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Stadt der Zukunft auf Probe – Ein Wohn- und Arbeitsexperiment für ein klimaneutrales Görlitz

Problemstellung

Görlitz als östlichste Stadt Deutschlands, direkt an der Grenze zu Polen gelegen, ist vor allem für ihren großen historischen Gebäudebestand mit circa 4.000 Einzeldenkmälern bekannt. Die Stadt ist aber auch vom demografischen und sozioökonomischen Wandel in der Region Lausitz betroffen. Um die Einwohnerzahl langfristig zu stabilisieren, ist Görlitz, wie viele andere peripher gelegene Mittelstädte, auf Zuwanderung angewiesen. Vor diesem Hintergrund versucht die Stadt im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung, ihre historische Bausubstanz zu erhalten, attraktive öffentliche Infrastrukturen bereitzustellen, das Arbeitskräftepotenzial zu erhalten und eine lebendige und engagierte Stadtgesellschaft zu fördern. Hinsichtlich einer weiteren Profilierung der Stadt Görlitz im Wettbewerb um Arbeitskräfte und Stadtbewohner*innen, des demografischen und wirtschaftlichen Stabilisierungsbedarfs sowie des Wunschs der städtebaulichen, aber auch stadtgesellschaftlichen Revitalisierung besteht seitens der kommunalen Akteure ein großes Interesse, künftig stärker den Zuzug und das Bleiben in der Stadt in den Blick zu nehmen.

Die angestrebte Transformation zu einer klimaneutralen Stadt 2030 erfordert zudem fachliche Kompetenz in verschiedenen Handlungsfeldern, aber auch nachhaltige Lebens- und Arbeitsweisen. Der 2020 veröffentlichte "Leitfaden Klimaneutralität" beschreibt auf Basis einer Ist-Analyse Effizienzpotenziale für die Sektoren Stromerzeugung, Wärmeversorgung, Industrie und Verkehr. Der Leitfaden zeigt die Herausforderungen auf, die auf die Stadt Görlitz zukommen und nur gemeinsam mit Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Bürger*innen bewältigt werden können.

Zielstellung

Das Projekt soll auf den Wohn- und Arbeitsstandort Görlitz aufmerksam machen und zugleich ermitteln, welche Chancen ein gezielter Zuzug für die Umsetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung birgt.

Ziel ist es, Erkenntnisse über die Standortanforderungen und -perspektiven von qualifizierten Arbeitskräften zu gewinnen.

  • Was veranlasst sie, sich an bestimmten Orten und konkret in Görlitz niederzulassen?
  • Was hindert sie möglicherweise daran, den Schritt nach Görlitz oder in eine andere Klein- oder Mittelstadt zu wagen?
  • Welche Bedeutung haben nachhaltige Lebens- und Arbeitsweisen für Standortentscheidungen?

Forschungsfragen

Im Zentrum der wissenschaftlichen Begleitung stehen diese Forschungsfragen:

  • Inwiefern lässt sich eine klar profilierte Stadtentwicklung in Richtung Klimaneutralität und Nachhaltigkeit nutzen, um in kleineren Städten im Strukturwandel gezielt Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften zu generieren und damit eine bewusste und engagierte Stadtgesellschaft zu entwickeln?
  • Inwiefern kann gezielter Zuzug in kleinere und mittlere Städte zu ihrer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit beitragen?

Methodik

Durch Befragungen und Interviews mit den Teilnehmenden werden die Standortanforderungen, Bleibeperspektiven und Erfahrungen der Probebewohner*innen vor Ort erfasst. Darüber hinaus wird auch die Perspektive der Stadtgesellschaft auf einen qualifizierten Zuzug als eine Voraussetzung für den Wandel der Stadt zu mehr Nachhaltigkeit analysiert. In verschiedenen Formaten (z. B. Fokusgruppengespräche, Workshops) werden die Erfahrungen der Teilnehmenden, der Partnereinrichtungen und auch der Stadtgesellschaft reflektiert.

Die Erkenntnisse aus Görlitz sollen auch Aufschlüsse für die Stadtentwicklungspolitik auf Bundes- und Länderebene geben sowie für die kommunale Ebene, insbesondere für kleinere Städte, zu möglichen Handlungsoptionen verdichtet werden. Die aktuelle Fallstudie ist darüber hinaus Teil einer über mehrere Jahre laufenden Projektreihe, bei der kontinuierlich Erkenntnisse über experimentelle Ansätze in der Stadtforschung gewonnen und diese weiterentwickelt werden können.

Hintergrund

Die anhaltende Dynamik vieler Großstädte und Ballungsräume führt weiterhin zu Überlastungserscheinungen in diesen Räumen. Aus raumordnerischer Perspektive erscheint daher eine Profilierung der städtischen Zentren in peripheren Lagen sinnvoll. Mit Blick auf eine ressourcenschonende Siedlungsweise sind die Nutzung von Bestandsgebäuden und die Auslastung vorhandener technischer Infrastrukturen in schrumpfenden oder stagnierenden Städten anzustreben. Positiv könnten sich hier die digitale Transformation und ebenso einige Entwicklungen im Zuge der Corona-Pandemie auswirken. Sie ermöglichen neue Arbeitsformen wie etwa das Arbeiten im Homeoffice. Inwiefern sich dieser Trend auch positiv auf die Entwicklung kleinerer und mittlerer Städte auswirken könnte, wird erst die Zukunft zeigen.

Umweltpolitische Forderungen nach klimaneutralen Lebens- und Wirtschaftsweisen sowie systemischen Transformationsprozessen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung stellen neue Anforderungen, aber auch Chancen für die Entwicklung kleinerer Städte, dar. Eine lokale Transformation zu einer nachhaltigen und insbesondere klimaneutralen Stadt ist nur zu erreichen mit bewussten Verhaltens- und Lebensweisen sowie Engagement der Stadtbevölkerung. Dies kann ein nachhaltiges Mobilitäts- und Konsumverhalten, die Ernährung oder die Wohnform eines/einer jeden Einzelnen umfassen, aber auch das Engagement in der Stadtgesellschaft. Eine kompakte Mittelstadt mit leicht zugänglichen Netzwerken, kurzen Wegen auch zu Politik und Verwaltung sowie einer stabilen Zivilgesellschaft bietet hierfür günstige Voraussetzungen. Zur Bewältigung der Energiewende sind die lokale und regionale Wirtschaft, das Handwerk und wissenschaftliche Einrichtungen aber auch auf spezialisierte Fachkräfte von außerhalb angewiesen.

Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V. wird gemeinsam durch Bund und Länder gefördert.

FS Sachsen

Das Institut wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes.