Sie befinden sich hier: Presse/Pressearchiv ab 2017/

Aufbau Ost - Erfahrungsschatz für Westdeutschland und Osteuropa nutzen

7. Februar 2005

Biedenkopf und der wissenschaftliche Vizepräsident der Leibniz-Gemeinschaft Müller sprechen sich für dezentrale Verantwortung und lokale Vernetzung aus

Auch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Lebensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland noch nicht angeglichen. Von 1993 bis Ende 2004 galt der Solidarpakt I, auf dessen Grundlage insgesamt 94,5 Milliarden Euro in die ostdeutschen Bundesländer und Kommunen transferiert wurden. Mit der Solidarpakt-II-Förderung werden den ostdeutschen Bundesländern bis 2019 insgesamt 156 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um die Angleichung der Unterschiede zwischen Ost und West weiter voranzutreiben. Im Vorfeld der zweiten Phase der Sonderförderung für Ostdeutschland ist eine heftige Diskussion entbrannt.

Das erste Kolloquium der vier raumwissenschaftlichen Einrichtungen (4R) innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft behandelte das Thema Aufbau Ost ?Zwischenbilanz und Perspektiven aus raumwissenschaftlicher Sicht? am 03.02.2005 in Berlin. Rund 180 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft besuchten das Kolloquium. Zu Gast in der gemeinsamen Landesvertretung Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wurde Zwischenbilanz gezogen. Ergebnisse aus der Forschung und Politikberatung wurden vorgestellt und Perspektiven für die zukünftige Entwicklung aufgezeigt.

Als prominentester Redner des Tages sprach der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Mit einem kritischen Rückblick hob er die Größe der Aufgabe hervor, den Transformationsprozess eines planwirtschaftlichen zu einem marktwirtschaftlichen System zu gestalten ohne dabei auf eine ?Landkarte? und Erfahrungswerte zurückgreifen zu können. Die Herausforderung der heutigen Aufgabe bestehe darin, sowohl die große Komplexität der deutschen Einheit als auch die des demographischen Wandels zu erfassen und miteinander in einem Gesamtkonzept zu vereinigen. Er plädierte zudem dafür, die Leistungen im Aufbau Ostdeutschlands als Reformmodell zu sehen, gleichwohl den ?Mut zu Verschiedenheit? gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Strukturen zu beweisen.

?Differenzen in den Lebensbedingungen gibt es nicht nur zwischen dem Osten und Westen, sondern auch zwischen dem Norden und Süden Deutschlands und natürlich auch innerhalb dieser Regionen?, so Biedenkopf. Die Zukunft benachteiligter Regionen liege nicht in Fördermitteln, sondern in regionalen Kompetenzen und ihrer Vernetzung. Die Bürgerinnen und Bürger müssen dabei in ihren kreativen und innovativen Potenzialen gestärkt werden und mitgestalten können. Dafür bräuchten die Kommunen mehr dezentrale Strukturen und mehr Ermessensspielräume.

Bernhard Müller, Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung und gleichzeitig wissenschaftlicher Vizepräsident der Leibniz-Gemeinschaft, hob in seiner abschließenden Betrachtung die Bedeutung der Forschung und Kooperation für die weitere Entwicklung Ostdeutschlands hervor. Über die Hälfte der rund 12.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Instituten der Leibniz-Gemeinschaft forschen und arbeiten in Ostdeutschland. Sie schaffen Innovationen, die die Grundlage einer wissensbasierten Unternehmensentwicklung in Ostdeutschland sind. Ein positives Beispiel sei der Materialforschungsverbund in Dresden unter Beteiligung von drei Leibniz-Instituten, der TU Dresden sowie von privaten Unternehmen.

Mit Blick auf den Aufbau Ost seien zukünftig drei Aufgaben für die Raumwissenschaften zentral: erstens die Bereitstellung von prozessorientiertem und integriertem Grundlagen- und Sachwissen, zweitens die Moderation von regionalen Prozessen und drittens die Begleitung und Evaluierung des Aufbaus Ost durch unabhängige Forschungsinstitute.

?Durch die Wiedervereinigung wurden der Transformationsprozess und der demographische Wandel in Ostdeutschland dramatisch beschleunigt?, so Müller. Ähnliche Entwicklungen werden zukünftig auch Regionen in Westdeutschland und in Mittel- und Osteuropa verstärkt erfassen. Ostdeutschland habe sich in den letzten 15 Jahren hier einen Erfahrungsvorsprung erarbeitet. Nun könne dieses Wissen weitergegeben und aktiv für die eigene Entwicklung im Rahmen des Aufbau Ost und darüber hinaus genutzt werden, sagte Müller.

Das Kolloquium wurde von den vier raumwissenschaftlichen Einrichtungen innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft  (4R Netzwerk) veranstaltet. Es sind die Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hannover), das Leibniz-Institut für Länderkunde (Leipzig), das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Erkner bei Berlin) sowie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (Dresden).