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Neue Zeiten - neue Wohnungsbaupolitiken?

23. Mai 2000

Der Wohnungsmarkt in Ostdeutschland verzeichnet zum Teil enorme Leerstände. Dass die aktuelle Lage hierzulande kein Einzelfall ist, zeigte sich jetzt bei einer Tagung des Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) vom 11. bis 13. Mai 2000, zu der 60 Wissenschaftler und Praktiker aus West-, Mittel- und Osteuropa sowie aus Übersee nach Dresden gekommen waren. Berichte aus Dresden und Leipzig ähnelten dabei sehr denen aus Newcastle und Liverpool. Themen der Expertenrunde waren die Zukunft des sozialen Wohnungsbaus, der sozialverträglichen Stadtteilerneuerung sowie die Rolle von Wohnungsunternehmen. Die Veranstaltung wurde von der Schader-Stiftung, der Anglo-American Foundation sowie der britischen First-Software finanziell unterstützt.


Die Teilnehmer kamen u. a. zu dem Ergebnis, dass Rückbau von Wohnungsbeständen in Regionen mit erhablichem Leerstand unerlässlich sei. Allerdings sei es nicht gleichgültig wo, wie und in welchem Marktsegment dies geschieht. Wohnungspolitik sei vielmehr - so Bernhard Müller, Direktor des IÖR - als Teil einer Stadtentwicklungs- und Regionalpolitik zu verstehen, bei der es darauf ankomme, die richtigen Anreize am richtigen Ort zu setzen.

Mit Abriss-Strategien und Umbaumaßnahmen, wie sie in Ostdeutschland derzeit gerade angedacht werden, hat man in Großbritannien schon Erfahrungen. Um diese zu nutzen, soll ein schon bestehendes Netzwerk britischer Städte auch nach Deutschland weiter geknüpft werden. Als Kontaktpunkt steht dabei das IÖR zur Verfügung.

Die Bedeutung sozialverträglicher Stadterneuerung brachte Eamon Boylan aus Manchester auf den Punkt: Er vertrat die Auffassung, daß Regionen nicht sterben, sondern nur immer kränker werden können. Andere Konferenzteilnehmer hoben übereinstimmend Imagefaktoren hervor, die die Attraktivität von Wohngebieten schmälern oder fördern können. Allerdings seien diese nur schwer zu steuern. Thomas Reichart und Heinz Kruse aus Dresden verwiesen darauf, daß vornehmlich dort große Potentiale zur Aufwertung von Wohngebieten vorhanden sind, wo diese kommunalen Grenzen folgen oder überwiegend in Besitz einer Wohnbaugesellschaft sind.

In Osteuropa liegen die Schwierigkeiten derzeit an anderer Stelle. Durch den Wohnungsmangel ist die Stigmatisierung ganzer Wohngebiete und die Abschreckung neuer Bewohner unbekannt. Slowakische und Slowenische Experten beklagten aber die Folgen einer oft zu rigorosen Privatisierung. Viele Großwohnsiedlungen seien vom Verfall bedroht und in den sozial gut durchmischten Gebieten ist es schwer, bei unterschiedlichen Ansprüchen für Erhaltungsinvestitionen eine Einigung unter den Mietern zu erreichen. Wie Fehler bei der Privatisierung verhindert werden könnten, erklärten Wohnungswirtschaftler aus Hongkong und Australien. Sie favorisieren ein Modell, wonach die Sanierung des Bestandes der Privatisierung vorgeschaltet wird. Ihre Anregungen stießen bei den Teilnehmern aus den osteuropäischen Ländern auf großes Interesse.

Auch wenn sich, so Christoph Kulenkampff von der Schader-Stiftung und Alan Kilburn von First Software übereinstimmend, die Herausforderungen in der Wohnungspolitik über nationale Grenzen hinweg - manchmal auch mit großem zeitlichen Abstand - ähneln, so würden doch nur selten Lehren daraus gezogen.

Die Nachfolgekonferenz im Jahr 2001 soll in Bratislava stattfinden. Sie wird sich mit den besonderen Problemen in Mittel- und Osteuropa beschäftigen.