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17.11.2020

Leitbilder für den Strukturwandel – IÖR entwickelt Prozessdesign am Beispiel der Lausitz

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen macht in verschiedenen Regionen Europas einen Strukturwandel erforderlich, der tief in das Leben der Menschen vor Ort hineinwirkt. Leitbilder können dabei helfen, die Zukunft dieser Regionen zielgerichtet zu gestalten und die Bevölkerung auf diesem Weg mitzunehmen. Doch wie lässt sich ein geeignetes und von einer Mehrheit akzeptiertes Leitbild für eine ganze Region entwickeln? Am Beispiel des Kohleausstiegs in der Lausitz haben Forschende des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) ein geeignetes Prozessdesign entwickelt. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachjournal "Extractive Industries and Society" veröffentlicht.


vorn Wanderschilder, im Hintergrund eine Industrieanlage

Tourismus statt Bergbau? – Die Lausitz sucht nach Wegen in die Zukunft. (Foto: H. Hensel/IÖR-Media)

Seit 2018 wird in der Lausitz an einem Leitbild gearbeitet. Es soll der Region Orientierung beim Ausstieg aus der Braunkohle und im damit verbundenen Strukturwandel geben. Das Projekt "Transformation Lausitz" des IÖR, das am Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) in Görlitz durchgeführt wird, begleitet den Strukturwandel und den damit verbundenen Leitbildprozess in der Lausitz wissenschaftlich.

Unter anderem hat das Projektteam untersucht, wie der Prozess der Leitbild-Entwicklung für die Region gestaltet sein sollte, welche regionalen Herausforderungen es dabei zu bewältigen gilt und wie sich die breite Bevölkerung in den Prozess einbinden ließe. Im Ergebnis ist ein Prozessdesign entstanden, das die Forschenden in der internationalen Fachzeitschrift "Extractive Industries and Society" vorstellen.

"Die Lausitz ist eine sehr heterogene Region. Nicht nur räumlich gibt es große Unterschiede, etwa zwischen dem touristisch gut entwickelten Spreewald und den noch aktiven Kohlerevieren mit einem starken wirtschaftlichen Schwerpunkt auf Tagebau und Kohlekraftwerk. Auch die Interessenlagen bei den Akteur*innen vor Ort und in der Bevölkerung und ebenso die Erwartungen an ein Leitbild für die Region sind sehr verschieden", erläutert Dr. Sebastian Heer, einer der Erstautoren der Studie. Diese Heterogenität mache es schwer, für die Region im Zuge des Leitbildprozesses eine einheitliche regionale Identität zu entwickeln.

Angesichts diverser Anforderungen und Erwartungen an ein "Lausitzer Leitbild" schlägt das Projektteam vor, das Leitbild funktional zu denken und den Prozess seiner Entwicklung in verschiedene Teilelemente aufzusplitten. Ausgangspunkt müsse dabei jeweils das Ziel bzw. die Wirkung sein, die mit dem (Teil-)Leitbild erreicht werden soll. Im zweiten Schritt käme es darauf an, die für dieses Ziel erforderlichen Zielgruppen zu definieren und zu bestimmen, mit welchen Kommunikations- und Beteiligungsformaten diese zu erreichen sind und in den Prozess der Leitbildentwicklung eingebunden werden können. Auch die Ergebnisse des Leitbildprozesses müssten am Ende für die Zielgruppen geeignet aufbereitet werden. "Das kann zum Beispiel die Formulierung von Förderprioritäten für die Bundes- und Landespolitik sein. Denkbar sind aber auch Wirtschaftsstrategien für die gesamte Lausitz oder verschiedene Teilräume oder ein 'Bürger*innenleitbild', das die Vorstellungen der Bevölkerung reflektiert", so Dr. Sebastian Heer.

Für seine Untersuchung hatte das Projektteam unter Leitung von Prof. Dr. Robert Knippschild den Leitbildprozess intensiv im Zuge teilnehmender Beobachtungen begleitet und eine Reihe wissenschaftlicher Fachgespräche mit wichtigen regionalen Akteur*innen aus den Landesregierungen von Sachsen und Brandenburg, der "Zukunftswerkstatt Lausitz", aber auch mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen geführt und qualitativ ausgewertet. "Deutlich wurde dabei, dass den meisten Verantwortlichen sehr bewusst ist, wie wichtig es ist, in der Bevölkerung eine breite Akzeptanz für den anstehenden Strukturwandel und die damit verbundenen Veränderungen zu erreichen. Nun kommt es darauf an, dieses auch im Auge zu behalten und die tägliche Arbeit danach auszurichten", so Dr. Sebastian Heer.

Originalpublikation:

Heer, Sebastian; Wirth, Peter; Knippschild, Robert; Matern, Antje: Guiding principles in transformation processes of coal phase-out. The German case of Lusatia. In: The Extractive Industries and Society (Online First)
DOI: https://doi.org/10.1016/j.exis.2020.07.005

Die internationale Fachzeitschrift The Extractive Industries and Society erscheint im Verlag Elsevier. Sie ist laut Angaben des Verlages die einzige Zeitschrift, die eingehende Analysen der sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Bergbaus und der Öl- und Gasförderung auf Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart veröffentlich. Beiträge durchlaufen vor Erscheinen ein anonymes doppeltes Begutachtungsverfahren.

Kontakt im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR)
Prof. Dr. Robert Knippschild (Projektleitung), E-Mail: R.Knippschild[im]ioer.de
Dr. Sebastian Heer, E-Mail: S.Heer[im]ioer.de