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04.03.2019

Anker im ländlichen Raum? - Raumwissenschaftliches Kolloquium zur Rolle von Klein- und Mittelstädten

Lange Zeit standen Metropolen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch inzwischen rücken Klein- und Mittelstädte wieder verstärkt auf die Agenda: Können sie als "Anker" dabei helfen, besonders strukturschwache ländliche Räume zu stabilisieren? Das Raumwissenschaftliche Kolloquium 2019 des 5R-Netzwerks hat sich dieser Frage am 28. Februar 2019 in Berlin angenommen und Erkenntnisse aus Forschung und Praxis zusammengeführt.


lila-orange-farbene Häusersilhouette

(Grafik: Freepik.com und james weston/shutterstock.com)

Ein Beitrag von Dr. Felix Müller (IRS) – leicht gekürzte Fassung

Forschung, Planung und Raumentwicklungspolitik haben den wachsenden städtischen Ballungsräumen große Aufmerksamkeit gewidmet. Doch mit der anhaltenden Abwanderung von Menschen und Unternehmen aus peripher gelegenen ländlichen Regionen, mit Überalterung, der Einschränkung von lokalen Finanz- und Handlungsspielräumen, schwacher wirtschaftlicher Dynamik und dem Rückbau von Einrichtungen der Daseinsvorsorge droht die Abkopplung dieser Räume. Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit wachsen, in manchen ländlichen Regionen erstarken extremistische Kräfte. Auch vor diesem Hintergrund hat das im Grundgesetz verankerte Postulat gleichwertiger Lebensverhältnisse raumplanerisch und politisch wieder stark an Bedeutung gewonnen. Die Frage, wie strukturschwache ländliche Räume in der Praxis stabilisiert werden können, drängt.

Sebastian Lentz vom IfL

Prof. Dr. Sebastian Lentz, IfL. Foto: Jan Zwilling

Beim Raumwissenschaftlichen Kolloquium 2019 zum Thema "Anker im Raum? Klein- und Mittelstädte in strukturschwachen Regionen" nahm sich das 5R-Netzwerk dieser Frage an und fokussierte dabei die Rolle der kleinen und mittelgroßen Städte im ländlichen Raum. Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig, betonte bei der Eröffnung, dass das Motto "Theoria cum Praxi" die Transferaktivitäten in allen Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft leitet. Es besagt, dass Erkenntnisse nicht linear von der Forschung in die Praxis "transferiert" werden, sondern dass praxisrelevantes neues Wissen dialogisch entsteht - in einem von beiden Seiten offenen, ehrlichen und mitunter auch unbequemen Austausch. Das Format des Raumwissenschaftlichen Kolloquiums steht genau dafür.

Mit dem Thema Klein- und Mittelstädte hatte das 5R-Netzwerk einen Nerv getroffen. Interessierte und diskussionsfreudige Teilnehmende aus Wissenschaft, Landes- und Bundespolitik, Planung und Beratung wie auch aus den Kommunen hatten den Konferenzraum in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft bis auf den letzten Platz gefüllt. Drei Impulsstatements aus der Praxis setzten zu Beginn des Kolloquiums Akzente, die später immer wieder aufgegriffen wurden. Beispielsweise wurde schnell klar: Sollen Klein- und Mittelstädte in strukturschwachen ländlichen Räumen stabilisierend wirken, müssen sie selbst gestärkt werden. Das betrifft ihre Bevölkerungsentwicklung, das Angebot an Arbeitsplätzen, Dienstleistungen und Bildung, ebenso wie die Lebensqualität und Ausstattung mit Infrastrukturen und behördlichen Funktionen.

Monika Thomas vom BMI

Monika Thomas, BMI. Foto: Jan Zwilling

Monika Thomas, Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung, Wohnen und öffentliches Baurecht im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) hob zunächst die quantitative Bedeutung des Lebens in Klein- und Mittelstädten hervor: Die Mehrheit der Deutschen lebe in kleinen und mittleren Städten, zugleich stehe diese Oberkategorie für eine große regionale und gesellschaftliche Vielfalt. Thomas verwies auf zahlreiche bundespolitische Programme und Initiativen, die Klein- und Mittelstädten zugutekommen. Sie skizzierte auch eine strategische Perspektive bis zur nächsten deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020, bis zu der aktuelle Herausforderungen wie Klimawandel, Digitalisierung, Integration und neue Mobilität in die konzeptionellen Grundlagen der Stadtentwicklungspolitik integriert werden sollen. Ihre Botschaft an die Praxis von Ländern und Kommunen: Nicht nur Geld gäbe den Ausschlag für erfolgreiche Stabilisierung. Entscheidend sei vielmehr, dass Städte die Anstrengungen auf sich nehmen, die die interkommunale Zusammenarbeit und die Erstellung integrierter Entwicklungskonzepte mit sich bringen.

Carsten Kühl vom Difu

Prof. Dr. Carsten Kühl, Difu. Foto: Jan Zwilling

Carsten Kühl, Direktor des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) und ehemaliger Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz, brachte seine Botschaft in drei Thesen zur Raumentwicklungspolitik auf den Punkt: Diese müsse erstens neu ausgerichtet werden, und zwar auf das Ziel des räumlichen Ausgleichs und in klarer Abgrenzung zu einem marktgläubigen Verständnis von Raumentwicklung. Unterschiedliche Lebensbedingungen in unterschiedlich strukturierten Räumen seien zwar eine unvermeidliche Ausgangsbedingung, diese Art von Diversität tauge jedoch nicht als normative Orientierung. Zweitens müssten die Ursachen von Strukturschwäche angegangen werden. Und diese lägen heute nicht mehr primär in mangelnder Wertschöpfungskraft, sondern im Schwarmverhalten der Arbeitnehmer, die es in die Orte mit der höchsten Lebensqualität ziehe. Entsprechend müssten Themen wie Innenstadtentwicklung und Einzelhandel, Gastronomie, Wohnen und (Bau-)Kultur auf der politischen Prioritätenliste weiter nach oben rücken. Und drittens behinderten Ressort- und Territorialgrenzen eine sinnvolle Raumentwicklungspolitik. Kühl empfahl hierzu eine themenbezogene Kooperation zwischen Ressorts, wie sie beispielsweise in Rheinland-Pfalz in den 1990er Jahren im "Konversions-Kabinett" praktiziert wurde, das die Umnutzung ehemaliger Militärstandorte steuerte.

Torsten Pötzsch, OB Weißwasser

Torsten Pötzsch, Weißwasser (Sachsen). Foto: Jan Zwilling

Manfred Kühn vom IRS

Dr. Manfred Kühn, IRS. Foto: Jan Zwilling

Torsten Pötzsch, Oberbürgermeister der Stadt Weißwasser in der Oberlausitz, beschrieb die Handlungsperspektiven einer ländlichen Mittelstadt, die sich seit 30 Jahren in Schrumpfung befindet. Pötzsch regiert Weißwasser seit 2010 mit der von ihm ins Leben gerufenen Wählervereinigung "Klartext". Trotz unübersehbarer Probleme zeigte er, dass eine Abkehr von eingeschliffenen Problembearbeitungsmustern nicht in destruktiven Populismus münden muss, sondern Einigkeit und eine "Kultur des Ermöglichens" stiften kann. Dazu gehört einmal mehr die Kooperation über Gemeinde- und Landesgrenzen hinweg, wie sie im Motto der "360°-Region" zum Ausdruck kommt. Zwar sparte Pötzsch nicht mit Hinweisen auf politische Fehlsteuerungen auf unterschiedlichen politisch-administrativen Ebenen, das Hauptaugenmerk legte er aber auf das gemeinsam Erreichbare: bei der Innenstadtrevitalisierung und eigenem Kulturzentrum sowie bei Angeboten für Umlandbewohner, bei Breitbandausbau und der gezielten Ansprache von Rückkehrern. Als größte Herausforderungen nannte Pötzsch neben geringen Eigenmitteln den Mangel an qualifiziertem Verwaltungspersonal und die Reproduktion eines negativen Selbstbildes der Region bei ihren Bewohnern - häufig durch Lehrkräfte, die Heranwachsenden den Wegzug nahelegen.

In den folgenden Fachbeiträgen brachten die raumwissenschaftlichen Institute des 5R-Netzwerks ihre jeweilige Expertise zu Klein- und Mittelstädten ein. Manfred Kühn vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) stellte das Konzept der Peripherisierung vor. Ein zentraler Punkt seiner Analyse der Städte Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und Stendal (Sachsen-Anhalt): Peripherisierung bedeutet, dass ein Ort abhängig wird von politischen und wirtschaftlichen Machtzentren und dass sich die lokalen Gestaltungsspielräume entsprechend einengen. Neben Bildung und Qualifizierung gebe es dagegen vor allem einen entscheidenden Hebel: Mehr festes, qualifiziertes Personal für die Kommunen und weniger reine Projektförderung.

Axel Priebs von der ARL

Prof. Dr. Axel Priebs, ARL. Foto: Jan Zwilling

Axel Priebs, Vizepräsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), hob die Bedeutung der Klein- und Mittelstädte und hier vor allem ihre wichtigen zentralörtlichen Versorgungsleistungen, überlokalen Behördenfunktionen und ein differenziertes Arbeitsplatzangebot für ländliche Räume hervor. Um ihr stabilisierendes Potenzial aktiv zu nutzen, sei die Kooperation zwischen Städten und ihrem Umland und damit ein regionaler und interkommunaler Blick auf räumliche Ausgleichspolitiken notwendig. Das Mit- statt Gegeneinander könne durch eine stärkere Verbindung zwischen Raumordnungs- und Städtebaupolitik flankiert werden und in eine Bund-Länder-Kooperation für ein Wettbewerbsprogramm mit gezielter Förderung für Klein- und Mittelstädte münden. Darüber hinaus warf Priebs die Frage auf, wie sich Standards für eine infrastrukturelle Mindestausstattung für zentrale Orte sinnvoll rechtlich verankern lassen.

Robert Knippschild vom IÖR

Prof. Dr. Robert Knippschild, IÖR

Robert Knippschild vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) präsentierte Erkenntnisse aus zwei experimentellen Projekten in Görlitz. Das Projekt "Probewohnen" bot Interessierten in der Vergangenheit die Möglichkeit, ein Woche kostenfrei in der ostsächsischen Stadt zu wohnen. Im aktuellen Projekt "Stadt auf Probe" steht vier Wochen lang nicht nur Wohnraum zur Verfügung, sondern auch Raum zum Arbeiten. Knippschild zeigte auf, wie attraktiv das häufig als Pensionopolis bezeichnete Görlitz mittlerweile auch für Junge und Menschen mittleren Alters ist - als potenzieller permanenter Wohnort, als Ort für Selbstverwirklichung für die beruflich Angekommenen oder als phasenweiser Rückzugsraum für gestresste Großstädter.

Tim Leibert und Frank Meyer vom IfL präsentierten ihre Forschungsergebnisse zu "Abwanderungskulturen". Sie bestätigten die Alltagsbeobachtungen von Oberbürgermeister Pötzsch mit umfangreichem Datenmaterial, das zeigt: In strukturschwachen Regionen lernen junge Menschen von klein auf, dass es zur Abwanderung keine Alternative gibt. Selbst wer bleiben will und eine wirtschaftliche Perspektive hat, gerät damit vor Ort unter Rechtfertigungsdruck. Wer Landflucht bekämpfen wolle, müsse bei der Kommunikation in Schule, Elternhaus und Freundeskreis ansetzen, durch welche junge Menschen Abwanderung als einzig gültigen Lebensentwurf präsentiert bekämen, so Leibert und Meyer.

Tim Leibert vom IfL

Dr. Tim Leibert, IfL. Foto: Jan Zwilling

Frank Meyer vom IfL

Frank Meyer, IfL. Foto: Jan Zwilling

Sabine Weck vom ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung berichtete aus dem Digitalisierungsprojekt "Smart Countryside" - einem Gemeinschaftsprojekt des Kreises Lippe und der Stadt Höxter.

Sabine Weck vom ILS

Dr. Sabine Weck, ILS. Foto: Jan Zwilling

In "Smart Countryside" ging es darum, die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung für ländliche Gemeinden auszuloten. Wecks Botschaft: Digitalisierung ist mehr als 5G und Breitbandausbau. Die Nutzerinnen und Nutzer - gerade auch in ländlichen Gemeinden – müssen selbst innovativ werden und ihre eigenen Digitalisierungsvorhaben definieren, von Telemedizin bis zu Einzelhandelslösungen und neuen Mobilitätsformen.

In fünf Diskussionsgruppen vertieften die Teilnehmenden im Anschluss die Themen des Tages. Sie präzisierten ihre Fragen zu den Vorträgen, diskutierten zentrale Thesen und brachten eigene Aspekte ein: Wie erfolgreich ist "Stabilisierung", wenn eine Stadt wie Dessau nur am Tag von Einpendlern bevölkert wird? In wie viele Satellitenstandorte kann man eine Fachhochschule zerlegen? Lässt sich Kooperation von oben verordnen? "Kannibalisieren" Klein- und Mittelstädte ihr Umland, wenn sie Zuwanderungsgewinne verzeichnen? Immer wieder betont wurde dabei, dass es mit Blick auf "Landflucht" nicht darum geht, Wegzug zu verhindern, sondern darum, Rückkehr zu ermöglichen.

Annett Steinfuehrer-Thuenen

Dr. Annett Steinführer, Thünen-Institut. Foto: Jan Zwilling

Abschließend bot Annett Steinführer vom Thünen-Institut in Braunschweig in ihrem Vortrag einen pointierten Überblick über die blinden Flecken der Kleinstadtforschung und die auch in der Wissenschaft weit verbreiteten Stereotype von Kleinstädten. Akribisch arbeitete sie sich durch die historische Forschungsliteratur und wies kenntnisreich nach, dass das Bild von Kleinstädten häufig vorurteilsbelastet ist und überraschend wenig empirische Substanz besitzt: Die Kleinstadt dient in aller Regel als Gegenentwurf zur weltoffenen Großstadt und mal als Sinnbild geistiger Kleinbürgerlichkeit und Rückständigkeit oder als Ort der sozialen Nähe, Sicherheit und Kontrolle. Steinführer forderte dazu auf, diese Forschungslücke zu füllen und sich neugieriger und offener den Kleinstädten zu widmen. Sie selbst organisierte im Frühjahr 2018 gemeinsam mit Lars Porsche vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und Peter Dehne, Professor für Baurecht/Planungsrecht an der Hochschule Neubrandenburg, einen Ad-hoc-Arbeitskreis der ARL zur Kleinstadtforschung.

Mit Steinführers Aufruf ging die Tagung zu Ende. In einer Debatte, in der "Stadt" und "Land" oft polarisierend gegenüber gestellt werden, hat das Raumwissenschaftliche Kolloquium gezielt ländliche Klein- und Mittelstädte in den Fokus gerückt. Die Veranstaltung hat damit den Grundgedanken der Raumordnung hervorgehoben, dass Städte als zentrale Orte oder "Anker im Raum" Leistungen für das Umland erbringen sollen, und dass sie dazu auch in der Lage sein müssen.

Hintergrund

Das Raumwissenschaftliche Kolloquium ist eine gemeinsame Veranstaltung der raumwissenschaftlichen Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft - Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) - sowie des ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Die Veranstaltung bietet alle zwei Jahre ein Forum für die Diskussion aktueller Fragen der Raumentwicklung und richtet sich an Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung.
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