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20.11.2017

"Urbane Metrik" - Was bedeuten Strukturen und Formen von Stadt für Lebensqualität und Effizienz?

Mit einem neuen Analyseansatz - der "urbanen Metrik" - nehmen Forschende des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) die Formen und Strukturen von Städten in den Blick. Im Fachbuch „Stadt im Spannungsfeld von Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität“ stellen sie die neue Methodik vor. Ziel ist es, die oft kontrovers geführte Diskussion um eine angemessene Dichte von Stadtstrukturen zu versachlichen.


Rotes Buch-Cover mit Grafik im oberen Bereich.

Buch-Cover (Quelle: Springer Spektrum)

Das äußere Erscheinungsbild einer Stadt, die Anordnung von Bebauung und Freiflächen, von Erschließungs- und Versorgungsnetzen, steht in engem Zusammenhang mit der Umwelt- bzw. Lebensqualität sowie der Ressourcen- bzw. Energieeffizienz einer Stadt. Doch wie lassen sich diese Zusammenhänge angemessen analysieren und darstellen? Dieser Frage gingen Forschende des IÖR nach. Im Fachbuch "Stadt im Spannungsfeld von Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität" stellt das Autorenteam mit der "urbanen Metrik" einen neuen Ansatz für die Analyse und Bewertung stadträumlicher Strukturen vor.

Das Buch geht der Frage nach, welche Zusammenhänge sich dem Betrachter allein über Form und Struktur von Stadt erschließen und inwieweit die formstrukturelle Analyse ein Instrument zum Städtevergleich sein kann. Das Autorenteam entwickelt dazu eine Analysematrix mit zehn Zusammenhangsvermutungen und untersetzt diese mit insgesamt 17 Thesen, wobei formanalytische Indizes zu den Aspekten Diversität, Formkomplexität, Heterogenität, Zerschneidung, Kernflächen und Nachbarschaft zur Anwendung kommen. Die Indizes stammen überwiegend aus der Landschaftsanalyse und wurden für die Beschreibung des Siedlungsraumes modifiziert bzw. zu neuen Indikatoren weiterentwickelt.

Nach einer ausführlichen Beschreibung der Wirkungszusammenhänge, Thesen und Indizes wendet das Autorenteam die "urbane Metrik" auf sieben Beispielstädte mit unterschiedlichen städtebaulichen Strukturen an: Aachen, Dresden, Halle (Saale), Krefeld, Landau in der Pfalz, Neubrandenburg und Oldenburg im Oldenburger Land. Generell ist der Untersuchungsansatz auf Mittel- und Großstädte anwendbar. Für die Erhebung der stadtstrukturellen Kennwerte nutzten die Forschenden in erster Linie topografische Geobasisdaten wie das ATKIS-Basis-Landschaftsmodell und die Hausumringe, aber auch am IÖR entwickelte Stadtstrukturtypen sowie statistische Daten.

Der generellen Charakterisierung der ausgewählten Städte anhand von Kennwerten folgt eine ausführliche Beschreibung der vermuteten Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Merkmalen der Stadtstruktur und ihren Wirkungen: Je kompakter eine Stadt bebaut ist, desto besser sind städtische Räume zu erreichen. Je mehr Grün- und Wasserflächen die Stadt strukturieren, desto wirksamer lässt sich möglichem Hitzestress entgegenwirken. Je mehr Hauptverkehrsstraßen und Schienen eine Stadt durchziehen, desto mehr sind städtische Räume zerschnitten und die Lebensqualität beeinträchtigt. Insgesamt 17 solcher Zusammenhangsvermutungen geht das Autorenteam nach, berechnet die entsprechenden Indizes für die sieben Beispielstädte und vergleicht sie miteinander. Anhand der beschriebenen Zusammenhänge wird deutlich, dass es bei Stadtplanung immer auch um Ausgewogenheit konkurrierender Ziele und Interessen geht. Deren physisch-bauliche Konkretisierung lässt sich in der Stadt "ablesen". Zur Visualisierung dieser Datenfülle dienen vor allem 17 doppelseitige Übersichtskarten, die das Format des Buches bestimmen. Auf einen Blick lassen sich so strukturelle Unterschiede zwischen den Beispielstädten erfassen. Außerdem sind im Text zahlreiche Tabellen, Grafiken (z. B. Netzdiagramme) und Fotos zur Illustration enthalten.

Die Autoren sind sich darüber im Klaren, dass Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität als konkurrierende Ziele der Stadtentwicklung keine neue Erscheinung sind. "Wir sind uns aber sicher, dass es mit unserem Ansatz gelingt, eine neue Qualität und Sachlichkeit in die Diskussion um städtebauliche Dichte und Umweltqualität zu bringen", erklärt der federführende Autor Clemens Deilmann. "Die Analyseergebnisse verweisen auf Potenziale und Herausforderungen für einige Städte. Sie zeigen gleichzeitig, dass es Städte gibt, die eine Balance zwischen Kompaktheit und Effizienz auf der einen Seite und Umweltqualität auf der anderen Seite erreicht haben." Die Autoren wollen dazu anregen, den Ansatz der "urbanen Metrik" für geeignete Fragestellungen zu nutzen und weiterzuentwickeln - im nationalen sowie im internationalen Maßstab. Potenziale und Anknüpfungspunkte beschreiben sie in ihrem Fachbuch.

Originalpublikation:
Deilmann, Clemens/Lehmann, Iris/Schumacher, Ulrich/Behnisch, Martin (Hrsg.) (2017): Stadt im Spannungsfeld von Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität. Anwendungen urbaner Metrik. Springer Spektrum.
Mit Beiträgen von Juliane Banse, Anne Bräuer, Karin Gruhler, Dr. Juliane Mathey; Gesamtlektorat: Jörg Hennersdorf (alle IÖR).
(DOI: 10.1007/978-3-662-48990-1).

Kontakt im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung:
Prof. Clemens Deilmann, Telefon: (0351) 46 79-251, E-Mail: C.Deilmann[im]ioer.de

Stimmen zum Buch

"Die textliche und graphische Aufbereitung der Untersuchungen anhand von Tabellen, Abbildungen, Fotos und Karten kann man nur immer wieder positiv hervorheben. Die Datenbereitstellung, Analyse und Darstellung der Ergebnisse erfolgt [...] nach klaren einheitlichen Kriterien, was der Lesbarkeit [...] sehr zugute kommt. Die klare Darstellung lässt auf eine leichte Umsetzung von Folgestudien und 'Nachahmern' hoffen, die andere Städtegruppen oder auch einen internationalen Städtevergleich ins Auge fassen. Alles in allem eine inhaltlich und methodisch sehr anregende Studie, die man mit steigendem Interesse liest."
(Prof. Dr. Otti Margraf in "Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning" Nr. 6/2017)