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29.04.2010

Das Kostenparadoxon der Baulandentwicklung

Das Ausweisen von Bauland kann für die Gesellschaft teuer werden - obwohl alle Beteiligten und Nutzer oft subjektiv ökonomisch nachvollziehbar handeln. Doch kaum ein Akteur beachtet wirklich sämtliche Kostenaspekte. Ein Forschungsprojekt am IÖR zeigt Auswege auf.


Im Jahr 2008 widmeten deutsche Kommunen täglich 106 Hektar zu Siedlungs- und Verkehrsfläche um. Das waren 23 Hektar weniger als 2001. Doch Entwarnung kann keinesfalls gegeben werden: Die Umwandlung des Bodens findet auf hohem Niveau statt. Zwischen 1996 und 2005 stieg die Inanspruchnahme von Siedlungsflächen um 40 Quadratmeter auf rund 550 Quadratmeter pro Kopf. Gleichzeitig kommt eine neue Tendenz hinzu: In Deutschland leben immer weniger Menschen, rechnerisch beschleunigt dies den weiteren Pro-Kopf-Anstieg.
Mit Blick auf die Umwelt ist der "Bodenverbrauch" äußerst kritisch zu bewerten. Versiegelte Flächen und zerschnittene Räume lösen zusammenhängende Landschaften auf und reduzieren die Biotop- sowie Artenvielfalt. Ökologische Funktionen, beispielsweise die Regulierung des Wasserhaushaltes, gehen verloren. Auch aus ökonomischer Sicht erweisen sich ausgedehnte Siedlungen als bedenklich. Die Einwohner haben für Erschließung der sozialen und netzgebundenen Infrastruktur sowie für Mobilität mehr zu zahlen. Wie könnten die Akteure der Baulandentwicklung zu Startortentscheidungen bewegt werden, die insgesamt Kosten sparen und zugleich die Umwelt  schonen? Um diese Frage geht es bei der Studie "Das Kostenparadoxon der Baulandentwicklung"  im Kern.     

Welche Rolle spielen die Beteiligten?   

Die Akteure beteiligen sich in sehr unterschiedlichen Rollen. Gemeinden und Privatleute bieten Flächen an, Projektentwickler, Finanzierer und Wirtschaftsförderer nehmen eine Mittlerrolle ein. Haushalte und Unternehmen fragen nach Bauland. Bei allen Gruppen spielen ökonomische Aspekte eine überragende Rolle, lediglich bei Haushalten stehen anfangs persönliche Motive - "weniger Lärm", "eigener Garten" - im Vordergrund, Kostenabwägungen beeinflussen deren Standortentscheidungen letztlich aber maßgeblich mit. Selbst wenn alle Beteiligten ökonomisch rational entscheiden, verknüpfen sich die Entscheidungen insgesamt zu kostenintensiven Siedlungsstrukturen. Das Phänomen wird als "Kostenparadoxon der Baulandentwicklung" bezeichnet. Rechnen die Akteure einfach falsch?  

Das Kostenparadoxon der Baulandentwicklung
Sie rechnen richtig - einzeln betrachtet. Jede Gruppe nimmt jedoch ganz unterschiedliche Kosten ins Blickfeld, und die individuellen Bilanzen blenden Folgekosten und solche Aufwendungen aus, die anderen Akteuren durch die eigene Entscheidung entstehen. Gemeinden beteiligen sich beispielsweise zu nur zehn Prozent am Bau einer Straße, die Kosten für Betrieb und Instandsetzung fallen zu 100 Prozent an, müssen beim Bauentscheid aber nicht berücksichtigt werden. Die Ver- und Entsorger können sich sämtliche ihnen im Laufe des Baus und des Betriebs entstehenden Kosten von Grundstückseigentümern und allen Netznutzern erstatten lassen. Sie haben deshalb in der Regel kein ausgeprägtes Interesse an der Gestaltung erschließungseffizienter Siedlungsstrukturen. Kitas im Umland von Städten weisen oft niedrigere Gebühren auf, obwohl entfallende Skaleneffekte höhere Kosten erwarten lassen. Haushalte wiederum schätzen günstige Bodenpreise "im Grünen", schenken den tatsächlichen langfristig entstehenden Aufwendungen für die Mobilität aber kaum Beachtung.

Was lässt sich gegen intransparente Kosten tun?
Die Studie ist ein Kompendium praktischer Ansätze auf dem Weg zu sparsameren Siedlungsstrukturen. Gegen verzerrte Wahrnehmung oder Ausblenden von Kosten empfehlen die Autoren Informationen, beispielsweise Aufklärungskampagnen über Tools zur Mobilitätskostenberechnung. Fehlt der direkte Bezug zwischen Gebühren und Verursacher (z. B. Ver- und Entsorgung), sollten diese stärker an die standortbezogenen Kosten herangeführt werden. An das Eigeninteresse von Kommunen appelliert die Studie hinsichtlich der Begrenzung langfristiger Erschließungskosten. Standards, Lage und Dichten sollten sich stärker an Kosteneffizienz orientieren, auch wenn Erstinvestitionen zunächst vollständig von den Anliegern getragen werden. Nicht zuletzt legen die Autoren nahe, die Interessen derer, die nicht an den Baulandentscheidungen beteiligt sind, Folgekos­ten aber zu tragen haben, stärker zu berücksichtigen. So beteiligt sich der Steuerzahler an den Folgekosten der Bereitstellung der Verkehrsinfrastruktur - unabhängig davon, wo er wohnt. Bodenkäufer im Umland könnten hier stärker in die Pflicht genommen werden.
Die Studie liefert so Städten und Gemeinden sowie privaten und öffentlichen Entscheidern Argumentationshilfen aus ökonomischer Sicht für einen ökologisch sinnvolleren Umgang mit Flächen und Landschaften. Sie ist im Band "Von der Außen- zur Innenentwicklung in Städten und Gemeinden - das Kostenparadoxon der Baulandentwicklung" zusammengefasst. Herausgeber ist das Umweltbundesamt.

Den Abschlussbericht können Sie hier herunter laden. (PDF, 3 MB).
Eine Kurzfassung in englischer und deutscher Sprache mit insgesamt 26 Seiten finden Sie hier. (PDF 143 KB)
Ansprechpartner :
Clemens Deilmann, Tel.: 0351/4679-251, E-Mail: C.Deilmann@ioer.de