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21.09.2009

?Umdenken tut Not!?

Um die Frage, auf welche Widerstände innovative Konzepte der Demografiepolitik treffen, ging es bei der Podiumsdiskussion ?Außer Thesen nichts gewesen? Kommunale Demografiekonzepte in der Umsetzung?, die am 2. September 2009 im Rahmen des Kongresses ?Best Age? in Berlin stattfand. Auf dem Podium sprach unter anderen Bernhard Müller, Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung und Mitglied der Akademiengruppe ?Altern in Deutschland?.

Sein Plädoyer lautete: ?Umdenken tut Not!? Insbesondere angesichts des demographischen Wandels müsse man von bisherigen Denkschemata abkommen. Statt traditionelle Wachstumskonzepte linear fortzuschreiben, sollten Kommunen sensibel, innovativ und wandlungsbereit auf neue Herausforderungen und Bedürfnisse reagieren. Im Anschluss an die öffentliche Diskussion vertiefte Müller seine Vorschläge für eine künftige Demografiepolitik noch einmal in einem Gespräch.

Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein Resümee von Susanne Tatje, der Demografiebeauftragten der Stadt Bielefeld. Sie hatte 2006 das bundesweit erste kommunale demographische Gesamtkonzept vorgelegt und dafür den Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten. Für wichtig hält sie es, Konzepte immer wieder nachzujustieren, da Prognosen nicht für die Ewigkeit gemacht seien. Tatje nannte ein konkretes Problem als Beispiel: ?Was passiert mit den Wasserrohren, wenn die Bevölkerung schrumpft?? Demografie stecke eben auch in Bereichen, wo es nicht draufstehe.

André Schröder, Staatssekretär im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt, merkte an, dass Kommunen häufig am Status quo festhielten. Im ländlichen Raum, insbesondere in Ostdeutschland, wo es viel Abwanderung gebe, seien demographische Fragen oft stigmatisiert. ?Plötzlich ist man reduziert auf Untergangsszenarien?, erklärte er. ?Das macht die Kommunikation schwieriger.? Mut zu machen und Perspektiven zu entwickeln, darauf setze das Land in seiner Politik einer zukunftsorientierten ?Profilierung durch Vorreiterschaft?.

Ähnlich äußerte sich Bernd Rittmeier vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Er verwies dabei auf eine Reihe von Projekten aus seinem Ressort, so zum Beispiel auf die Umsetzung von Modellvorhaben für den ländlichen Raum im Stettiner Haff und im Südharz-Kyffhäuser. ?In jeder Region gibt es aktive Menschen, die die Chancen für ihre Region ergreifen möchten?, sagte er.

Weg vom reinen Wachstumsdenken

Der Raumplaner Bernhard Müller, Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden und Mitglied der Akademiengruppe ?Altern in Deutschland?, plädierte für mehr Nachhaltigkeit und ein grundsätzliches Umdenken: ?Wir müssen uns vom reinen Wachstumsdenken wegbewegen. Nach wie vor versucht die Mehrheit der Kommunen, dem demographischen Wandel mit traditionellen Konzepten entgegenzusteuern. Ich halte das nicht für den richtigen Weg.?

Zu solchen traditionellen Konzepten gehöre, dass noch immer viele Gemeinden versuchen, dem demographischen Wandel vor allem dadurch entgegenzusteuern, dass sie junge Familien, zum Beispiel mit günstigen Baulandangeboten, anlockten. Dies kann nach Ansicht von Müller in wenigen Kommunen zwar erfolgreich sein, für die meisten führe es aber in die Katastrophe. ?Nachhaltigkeit kann es nur geben, wenn Gemeinden eine Politik für alle Generationen verfolgen.?

Generationen Zukunft DemographieErgebnisse der Akademiengruppe

Damit knüpfte Müller an die Ergebnisse der Akademiengruppe ?Altern in Deutschland? an, die er im anschließenden Gespräch noch einmal darlegte. Eines der Ergebnisse der Akademiengruppe war, dass alle Regionen und Kommunen in Deutschland von Alterung betroffen sind, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß: Nur in fünf deutschen Stadt- und Landkreisen ist weniger als jeder fünfte Einwohner über 60 Jahre alt. In 25 Stadt- und Landkreisen hingegen ist ungefähr jeder Dritte über 60 Jahre alt, zum Beispiel in der Lausitz, in der Sächsischen Schweiz und in der Pfalz ? aber auch in Baden-Baden, Osterode und Goslar. Diese Städte gehören sogar zu den Spitzenreitern in Deutschland, wenn man den Anteil der über 75-Jährigen an der Gesamtbevölkerung betrachtet.

Auch das Umfeld und die Lebensbedingungen der Menschen können regional sehr unterschiedlich sein. Ein Beispiel für eine Dienstleistung, die im Alter zunehmend wichtiger wird, ist die medizinische Versorgung. Während man in einer Großstadt mit einem Pkw nur wenige Minuten bis ins nächste Krankenhaus braucht, kann dieser Weg in ländlichen Gebieten Nordostdeutschlands, der Rhön und des Schwarzwaldes eine gute halbe Stunde dauern.

Bundesweit einheitliche Standards hält Müller allerdings für eine Illusion: ?Was wir brauchen, sind lokal angepasste Lösungen vor Ort. Kommunen schaffen wesentlich die Rahmenbedingungen, durch die es möglich wird, die Chancen des Alterns zu nutzen.?

Alternssensible Stadtentwicklung

Müller benannte ein breites Spektrum der Herausforderungen einer alternssensiblen Stadtentwicklung: altersgerechte Infrastruktur und altersorientierte Mobilitätsangebote, eine integrierte Mobilitätspolitik, das Zusammenführen von Siedlungs- und Verkehrspolitik, technische Assistenzsysteme, der Zugang zum Internet, die nahräumliche Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, Wohnberatung, generationenübergreifende Wohnformen und ein aktivierendes Wohnumfeld, eine angepasste medizinische Versorgung, Betreuungsdienstleistungen und Unterstützungsstrukturen, Begegnungsangebote, Mitwirkungsmöglichkeiten, Ehrenämter, regionale und lokale Lernnetzwerke, Beschäftigungsinitiativen und Seniorenwirtschaft. Und schließlich auch: die Stadt der kurzen Wege.

?All dies macht lokale Diskussionen über die Veränderung von Prioritäten, zum Beispiel bei der Infrastrukturentwicklung, erforderlich. Die Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Trägern ist angesagt?, forderte Müller. ?Dezernatsübergreifende Zusammenarbeit und klare strategische Orientierungen in Kommunen sind notwendiger denn je.?

Was bleibt zu tun? ?Wenn es stimmt, dass der Ort, an dem ein Mensch altert, entscheidend dazu beiträgt, wie er altert, dann muss es uns in der Zukunft stärker um eine alternssensible Kommunal- und Regionalentwicklung gehen?, erklärte Müller. ?Ansätze hierzu gibt es. Sie zu verstärken, bleibt eine Aufgabe der Zukunft.?


Interview und Text: Miriam Buchmann-Alisch

Altern in Gemeinde und Region, Band 5 der Reihe ?Altern in Deutschland?

Cover Band 5: Altern in Gemeinde und Region

Band 5 der Reihe Altern in DeutschlandDer Band bietet viele Beispiele dafür, wie sich Kommunen mit dem Thema Altern auseinandersetzen. So gibt es Kommunen des Typs ?Pensionopolis?, zum Beispiel Baden-Baden: Hier wirbt man um ältere, meist wohlhabende Menschen. Dies setzt klare kommunale Weichenstellungen und die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen voraus. Auch Görlitz versucht, diesen Weg zu gehen.

Anders ist es beim Typ ?kollektive Alterung?, etwa im Umland von Großstädten: In jungen Jahren haben sich Gleichaltrige in Suburbia angesiedelt. Mittlerweile sind deren Kinder ausgezogen, man wohnt in viel zu groß gewordenen Häusern. Hier können alternative Wohnformen, frühzeitige Beratung und vielleicht auch Umzugsmanagement helfen.

Und schließlich gibt es die ?Alterung in schrumpfenden Regionen?, zum Beispiel in vielen ostdeutschen Kommunen. Hier gibt es oft schon Programme zum Stadtumbau. Allerdings werden sie eher zum Wohnungsrückbau genutzt. Ein umfassender und integrierter Stadtumbau, der alle Aspekte ? insbesondere die Belange einer älter werdenden Gesellschaft ? berücksichtigt, ist dringend erforderlich.