Mit rund 50 Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern wurde beim Treffen des AK Naturgefahren und Naturrisiken deutlich, dass das Thema „Resilience to Multi-Risk“ eine internationale Herausforderung darstellt. Zum Auftakt unterstrich Jakob Zscheischler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in seiner Keynote die Bedeutung kombinierter klimatischer Ereignisse für die Risikoanalyse. Er hob insbesondere die Rolle physischer Prozesse und ihrer Wechselwirkungen hervor. Zugleich wurde deutlich, dass ein umfassendes Verständnis von Risiko im Sinne integrierter Ansätze eine stärkere Berücksichtigung von Vulnerabilität und Exposition erfordert. Ebenso ist eine engere interdisziplinäre Verzahnung zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven erforderlich.
Die praxisorientierte Perspektive ergänzte Florian Kerl vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. In seinem Beitrag zur Erstellung der Klimaanpassungsstrategie des Freistaats Sachsen gab er Einblicke in aktuelle Herausforderungen bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in politische Entscheidungsprozesse.
Im weiteren Verlauf der zweitägigen Veranstaltung wurden internationale Perspektiven auf Multi-Risiken diskutiert. Die Beiträge und Sessions verdeutlichten insgesamt die zunehmende Hinwendung zu systemischen Ansätzen, etwa durch die Betrachtung von Kaskadeneffekten, lokalen Rahmenbedingungen oder sektorübergreifenden Wechselwirkungen. Zugleich zeigte sich, dass viele dieser Ansätze vor allem konzeptionell oder qualitativ ausgearbeitet sind und quantifizierbare Modelle sowie praktische Anwendungen wichtige nächste Schritte darstellen. Auch Fragen der langfristigen Finanzierung und Instandhaltung von Schutzmaßnahmen wurden als zentrale Herausforderungen hervorgehoben.
In der abschließenden Sitzung zu Perspektiven für Forschung, Lehre, Politik und Planung wurden zentrale Erkenntnisse gebündelt. Ein wiederkehrendes Thema war die unzureichende theoretische Fundierung vieler Studien. Bestehende theoretische Ansätze sind dabei häufig stark auf individuelle Akteure ausgerichtet, während gesellschaftliche Zusammenhänge und soziale Dynamiken, die im Kontext von Naturgefahren eine zentrale Rolle spielen, bislang weniger systematisch berücksichtigt werden. Gleichzeitig wurde ein Bedarf nach stärker integrierenden Konzepten formuliert, die sowohl physische Prozesse als auch gesellschaftliche Dynamiken angemessen verbinden. Darüber hinaus wurde die Notwendigkeit betont, Naturgefahren stärker in langfristige Entwicklungen einzubetten und von der Betrachtung einzelner Ereignisse hin zu Entwicklungspfaden („trajectories“) überzugehen. In diesem Zusammenhang wurden auch Fragen nach den Grenzen von Anpassung diskutiert.
Weitere Diskussionspunkte betrafen methodische Herausforderungen, insbesondere die bislang unzureichende Messbarkeit von Vulnerabilität und Resilienz sowie die Schwierigkeiten bei der Modellierung komplexer, gekoppelter Systeme. Auch die Rolle von Künstlicher Intelligenz wurde kritisch diskutiert: Während ihr Potenzial anerkannt wurde, erscheint die Komplexität von Risiko- und Resilienzsystemen derzeit nur begrenzt algorithmisch erfassbar.
Neben wissenschaftlichen Fragen wurden auch Implikationen für Praxis und Lehre adressiert. Hervorgehoben wurde die Bedeutung von Bildungsformaten, die fragmentierte Ansätze überwinden und stärker transdisziplinäre Kompetenzen fördern. Gleichzeitig wurde auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen hingewiesen, welche die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen beeinflussen, etwa politische Polarisierung oder unterschiedliche Wahrnehmungen von Risiken.
Abschließend fand eine geführte Exkursion entlang des Hochwasser-Lehrpfads in Dresden statt, bei der Maßnahmen des technischen und nicht-technischen Hochwasserschutzes sowie deren Einbettung in urbane Räume und gesellschaftliche Wahrnehmungen diskutiert wurden. Die Exkursion bot eine anschauliche Ergänzung zu den zuvor behandelten Themen und verdeutlichte die Herausforderungen und Möglichkeiten der praktischen Umsetzung von Risikomanagementstrategien.
Insgesamt zeigte das Treffen, dass die Forschung zu Multi-Risiken konzeptionell und methodisch große Fortschritte gemacht hat, gleichzeitig jedoch weiterhin erhebliche Herausforderungen in der theoretischen Fundierung, methodischen Integration und praktischen Umsetzung bestehen. Die Diskussionen unterstrichen die Notwendigkeit, bestehende Ansätze weiterzuentwickeln und stärker miteinander zu verknüpfen.
Das Jahrestreffen des Arbeitskreises Naturgefahren und Naturrisiken der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG) wurde von einem Team des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) organisiert. Begleitend zur Veranstaltung ist ein Book of Abstracts erschienen, das die thematische Breite der Beiträge dokumentiert.
Englische Informationen zur Veranstaltung
Wissenschaftlicher Kontakt am IÖR
Dr. Regine Ortlepp, E-Mail: r.ortleppioer@ioer.de
Dr. Marco Neubert, E-Mail: m.neubertioer@ioer.de