IÖR: Welches sind die fachlichen Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
David Manuel-Navarrete: Meine Arbeit konzentriert sich auf die Förderung inklusiver transdisziplinärer Kooperationen, die wissenschaftliche, indigene und lokale Wissenssysteme miteinander verknüpfen. Im Rahmen des SpiRits Lab untersuche ich, wie spirituelle und rituelle Praktiken Wege für persönliche und kollektive Transformation eröffnen können. Diese Praktiken helfen Einzelpersonen und Gemeinschaften, sich wieder mit der Natur und untereinander zu verbinden, und fördern so die Resilienz und ein tieferes Bewusstsein für die Bedeutung der Bewältigung ökologischer Herausforderungen.
Ein bedeutendes Beispiel für diesen Ansatz ist meine Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften im Amazonasgebiet, wo wir gemeinsam Initiativen wie solarbetriebene Kanus entwickelt haben. Bei diesen Projekten geht es nicht nur um nachhaltige Technologie. Sie sind darauf ausgelegt, die kulturellen und spirituellen Werte der Gemeinschaften, mit denen wir zusammenarbeiten, zu würdigen und zu integrieren. Durch die Kombination von traditionellem Wissen mit moderner Innovation schaffen wir Lösungen, die innere Transformationen bei westlich gebildeten Menschen unterstützen und ihre Verbindung zu nicht-menschlichen Wesen stärken.
Zu Ihrem Aufenthalt am IÖR gehörte auch ein Vortrag im Rahmen der IÖR-Forums-Reihe. Sie sprachen über „innere und äußere Technologien für die Transformation zur Nachhaltigkeit“. Was steckt – in aller Kürze – hinter diesem Ansatz? Und warum halten Sie ihn für entscheidend für die nachhaltige Entwicklung?
Innere Technologien basieren auf einer relationalen Ontologie, also einem Ansatz, der Beziehungen und Interaktionen als grundlegend für das Sein betrachtet. Sie umfassen Praktiken und Prozesse, die persönliche und kollektive Transformation fördern, wie Achtsamkeit, spirituelle Rituale und tiefe Reflexion. Diese Technologien helfen uns, unsere Verbundenheit miteinander und mit der natürlichen Welt zu erkennen, und fördern ein Gefühl der Fürsorge, Verantwortung und Zugehörigkeit.
Äußere Technologien basieren dagegen größtenteils auf einer Ontologie der Trennung. Dazu gehören die materiellen, institutionellen und technologischen Instrumente, auf die wir uns normalerweise stützen, um Nachhaltigkeit zu erreichen, wie erneuerbare Energiesysteme, politische Maßnahmen und Infrastruktur. Diese sind zwar unverzichtbar, aber ihre Dominanz verstärkt oft eine fragmentierte Sicht auf die Welt, in der Menschen als von der Natur und voneinander getrennt angesehen werden. Diese Trennung ist der Kern vieler Nachhaltigkeitsherausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen.
Ich halte die Integration dieser beiden Dimensionen für entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung, da die Überbetonung äußerer Technologien genau die Denkweise verfestigt, die unsere aktuellen Krisen verursacht hat. Indem wir uns durch innere Technologien wieder mit einer eher die Beziehungen betonenden Weltsicht verbinden, können wir äußere Technologien neu denken und umgestalten, sodass sie unserer Verbundenheit Rechnung tragen. Dieser ganzheitliche Ansatz ist entscheidend für die Schaffung von Systemen und Gesellschaften, die nicht nur nachhaltig, sondern auch gerecht, regenerativ und lebensbejahend sind.
Was hat Sie bewogen, sich für das IÖR-Fellowship zu bewerben? Wie passt Ihre Forschung zur Arbeit des IÖR?
Meine Forschungsarbeit steht in engem Einklang mit der Mission des IÖR, transformative, raumbezogene Nachhaltigkeitslösungen zu fördern. Im Laufe der Jahre habe ich mich in meiner Arbeit auf Partnerschaften zwischen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen konzentriert, um die Nachhaltigkeit und Regeneration von Landschaften, Ökosystemen und Biodiversität zu fördern. Diese Kooperationen sind unerlässlich für die gemeinsame Entwicklung, Erprobung und Pilotierung von Führungsmodellen, die den Einsatz naturbasierter Technologien beschleunigen, insbesondere an den Schnittstellen zwischen ländlichen und städtischen Räumen. Was mich an diesem Stipendium am meisten begeistert, ist die Möglichkeit, eine wichtige Innovation in meiner Forschung voranzutreiben: die Bewertung von Führungsmodellen, die innere und äußere Transformationen integrieren. Das bedeutet, subjektive Dimensionen wie Werte, Handlungsfähigkeit und Intentionalität mit strukturellen Veränderungen zu verbinden und so einen ganzheitlicheren Ansatz für Nachhaltigkeit zu schaffen.
Welche Möglichkeiten hat Ihnen das IÖR-Fellowship eröffnet?
Das IÖR-Fellowship hat mir eine einzigartige und bedeutsame Gelegenheit eröffnet, insbesondere durch meine enge Zusammenarbeit mit Dr. Christoph Woiwode von der Forschungsgruppe „Urban Human-Nature Resonance”. Bei unseren Treffen stellte sich heraus, dass wir nicht nur in unseren akademischen Interessen, sondern auch in unseren persönlichen Lebensläufen, Leidenschaften und sogar unseren Ansätzen in Bezug auf Forschung und Zusammenarbeit bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweisen. Wir sind beide bestrebt, die inneren und äußeren Dimensionen von Nachhaltigkeitstransformationen miteinander zu verbinden. Unsere Expertisen ergänzen sich hervorragend und bilden eine solide Grundlage für eine innovative und wirkungsvolle Arbeit.
Durch die enge Zusammenarbeit mit Christoph Woiwode über Plattformen wie die Transformations Community oder das SpiRitS Lab an der ASU können wir unsere Wirkung weiter verstärken und sicherstellen, dass vielfältige kulturelle Perspektiven und innovative Praktiken in unsere Arbeit einfließen. Gemeinsam können wir unsere internationalen Netzwerke in Europa, den Vereinigten Staaten, Asien und Lateinamerika nutzen, um die Reichweite und Wirkung innerer und äußerer Transformationen hin zu einer ganzheitlichen und integrativen Verantwortung für die Erde zu vergrößern. Dieses Stipendium ist nicht nur eine berufliche Chance, sondern auch eine Gelegenheit, einen bedeutenden Beitrag zu einer globalen Bewegung für regenerative und gerechte Nachhaltigkeitstransformationen zu leisten.
Hatten Sie auch Gelegenheit, Dresden ein bisschen kennenzulernen? Was hat Ihnen besonders gefallen?
Ich habe die Orgelkonzerte in den Kirchen und Kathedralen Dresdens sehr genossen. Die Akustik und die spirituelle Atmosphäre dieser Räume ließen die Musik wahrhaft transzendent wirken und boten Momente der stillen Besinnung inmitten der pulsierenden Energie der Stadt. Ein weiteres Highlight war der Besuch von Gemeinschaftsgärten und Projekten der Solidarischen Landwirtschaft in der Stadt. Diese grünen Oasen dienen nicht nur der urbanen Landwirtschaft, sondern sind auch Orte der Begegnung, an denen Menschen zusammenkommen, um sowohl Lebensmittel als auch Gemeinschaft zu kultivieren. Damit verkörpern diese Orte die Art von relationaler Nachhaltigkeit, die ich sehr schätze.
Außerhalb Dresdens hatte ich das Glück, Zeit im Nationalpark Sächsische Schweiz an der Elbe zu verbringen. Die natürliche Schönheit dort ist atemberaubend, und der ruhige Fluss lässt einen innehalten. Die Landschaft strahlt eine tiefe Spiritualität aus und erinnert daran, wie die Natur sowohl Ehrfurcht als auch ein Gefühl des inneren Friedens hervorrufen kann. Es ist ein Ort, an dem die äußere Erhabenheit der Welt die inneren Veränderungen widerspiegelt, die ich in meiner Arbeit erforsche.
Ein Blick in die Zukunft: Wie könnte eine Zusammenarbeit mit Kolleg*innen vom IÖR aussehen? Gibt es Pläne?
Das IÖR-Fellowship bot eine entscheidende Gelegenheit, auf unseren bestehenden Partnerschaften und Netzwerken aufzubauen und insbesondere einen Projekt-Antrag vorzubereiten, in dem es um den Aufbau einer internationalen Forschungszusammenarbeit geht. Diese Förderung würde es uns ermöglichen, unsere Arbeit zu inneren und äußeren Transformationen, Nachhaltigkeit und der Regeneration von Landschaften, Ökosystemen und Biodiversität zu vertiefen und auszuweiten. Und sie würde die Zusammenarbeit zwischen deutschen, europäischen und globalen Partnern fördern.
Die Fragen hat Prof. Dr. David Manuel-Navarrete schriftlich beantwortet.
Wissenschaftlicher Kontakt im IÖR
Dr. Christoph Woiwode, E-Mail: c.woiwodeioer@ioer.de