Wo sich Einheimische erholen und Reisende tummeln – Eine neue Karte digitaler Spuren für Deutschland

Wer nutzt den Raum – und wie wird digital darüber kommuniziert? Eine neue Analyse des IÖR, erarbeitet in enger Zusammenarbeit mit Prof. Catrin Schmidt vom Institut für Landschaftsarchitektur der Technischen Universität Dresden, visualisiert über 66 Millionen öffentliche Social-Media-Beiträge aus 15 Jahren. Das Ergebnis ist eine hochauflösende Karte Deutschlands, die zeigt, wo Einheimische sich erholen und welche Ausflugsziele Tourist*innen gern besuchen. Veröffentlicht wurde die Karte im Dezember-Heft von „Naturschutz und Landschaftsplanung“. Die zugrunde liegenden anonymisierten Daten stellt das IÖR für die weitere Nutzung zur Verfügung.

Unter der Überschrift „Digitale Spuren in der Landschaft“ machen die Forschenden von IÖR und TU Dresden einen neuen Blick auf die Nutzung von Stadt- und Naturräumen in Deutschland möglich. Die Datenbasis bilden Beiträge in Sozialen Medien, etwa auf den Plattformen Flickr, Instagram, Twitter/X und iNaturalist. 66 Millionen georeferenzierte, also mit GPS-Daten versehene Social-Media-Beiträge zu beliebten Ausflugszielen aus den Jahren 2007 bis 2022 sind in die Analyse eingeflossen.

Das Ergebnis ist eine Karte von Deutschland, die mit blauen und roten Punkten übersät ist. Rote Punkte stehen dabei für Social-Media-Beiträge von nicht aus Deutschland stammenden Tourist*innen, blaue für Beiträge von Einheimischen. Dieses digitale Echo macht sichtbar, welche Orte und Landschaftsräume eine besondere Aufmerksamkeit in der digitalen Kommunikation erfahren. „Die Karte zeichnet ein vielfältiges Bild der Raumnutzung“, erläutert Alexander Dunkel vom IÖR. „In den Zentren großer Städte wie Berlin, Hamburg oder München bilden sich oft dichte Wolken roter Punkte, dort berichten also hauptsächlich Tourist*innen über die Sehenswürdigkeiten. Am Stadtrand und im Umland dominieren hingegen blaue Punkte, dort waren also eher die Locals, die Einheimischen aktiv. Ein Zeichen dafür, welche Rolle das Umland für die Naherholung spielt“, interpretiert Alexander Dunkel die Ergebnisse.

Auch für die ländlichen Räume lassen sich aus den blauen und roten Punktwolken verschiedene Erkenntnisse ableiten. In der Regel dominieren hier die Einheimischen die Kommunikation per Social Media. Doch auch markante touristische Anziehungspunkte werden sichtbar – etwa der Harz, die Sächsische Schweiz, der Elberadweg, Fernwanderwege oder die deutschen Küstenregionen.

Informationen für die Stadt- und Landschaftsplanung

Für die nachhaltige Raumentwicklung sind diese Informationen von unschätzbarem Wert. So können sie zum Beispiel dabei helfen, schnell zu erkennen, wo sensiblen Naturräumen eine übermäßige Beanspruchung droht. Denn was auf digitalen Plattformen wie Instagram oder Flickr kommuniziert wird, kann massive Auswirkungen in der Realität haben. Dem Echo in der digitalen Welt folgt häufig ein Besucheransturm in der realen. Aber auch in anderen Planungszusammenhängen wäre es sinnvoll, geovisuelle Analysen dieser neuen Datenquellen zu integrieren. „Die neuen Erkenntnisse könnten eine Lücke zwischen den Zielen öffentlicher Planung und der gelebten Realität der Bevölkerung schließen, indem sie die subjektive Wertschätzung der Bevölkerung detailgenau und flächendeckend sichtbar machen. Das bietet die Chance für eine gerechtere und partizipativere Planung, die auch die alltäglich wahrgenommenen und erlebten Qualitäten von Räumen vielfältiger Nutzergruppen berücksichtigt“, erläutert Alexander Dunkel.

Datennutzung ohne Risiken für die Privatsphäre

Um Daten aus Sozialen Medien ethisch und rechtssicher für die Planung nutzbar zu machen, ist ganz besondere Sorgfalt bei ihrer Erhebung und Auswertung erforderlich. Die Forschenden von IÖR und TU Dresden haben einen Ansatz entwickelt, der solch eine datenschutzkonforme Datenanalyse möglich macht. Durch das Verfahren sind nur aggregierte und anonymisierte Muster verfügbar, die keine Rückschlüsse auf die individuelle Kommunikation einzelner Personen zulassen.

Die Daten, die der Karte mit den digitalen Spuren in der Landschaft zugrunde liegen, und auch die Informationen zu ihrer Erhebung, Aggregation und Visualisierung stehen als Replikationspaket im Forschungsdaten-Repositorium des IÖR (ioerDATA) zur Verfügung. Damit sind sie für weitere wissenschaftliche und planerische Arbeiten nachnutzbar.

Originalpublikation
Dunkel, Alexander; Schmidt, Catrin; Wende, Wolfgang; Nieswand, Maria:
Digitale Spuren in der Landschaft. Ein neuer Blick auf Naturräume durch Soziale Medien. [Teil der Reihe „Landschaft und Natur in Karten“ herausgegeben von Walz, Ulrich (HTW Dresden); Wende, Wolfgang; Meinel, Gotthard (beide IÖR)] In: Naturschutz und Landschaftsplanung. Zeitschrift für angewandte Ökologie. 57 (2025) 12, S. 38-39.

Datensatz
Replikationspaket „Digital Landscape Traces – Locals and Tourists in Germany Map“
(im Forschungsdaten-Repositorium „ioerDATA“ des IÖR)

Wissenschaftlicher Kontakt im IÖR
Dr. Alexander Dunkel, E-Mail: a.dunkelioer@ioer.de

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