Forschungsbereich:
Wandel und Management von Landschaften

Bilanzierung der Landschaftspflege in Sachsen

Das Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) wurde durch das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) mit der Erarbeitung einer neuen Landschaftspflegestrategie bis 2020 als Fortschreibung der Landschaftspflegekonzeption von 1999 beauftragt. Der Begriff Landschaftspflege wurde als Gesamtheit aller Maßnahmen zur Sicherung, Pflege und Neuanlage naturnaher Lebensräume für heimische Pflanzen- und Tierarten, zur Pflege und Verbesserung von Natur und Landschaft definiert. Den Aufgabenschwerpunkt bildete die Bilanzierung folgender Handlungsfelder bzw. Aufgabenbereiche (auf Landes-, Landkreis- und Naturraumebene):

  • Aufwand für pflegewürdige und pflegebedürftige Biotope und Lebensräume ( = Pflegebedarf)
  • Defizitabschätzung regionaltypischer Landschaftselemente und Biotopstrukturen ( = Entwicklungsbedarf)
  • Umsetzung spezifischer Erfordernisse des Artenschutzes ( = spezifischer Handlungsbedarf des Artenschutzes).

Die Methodik der Landschaftspflegestrategie, weiterentwickelt auf Grundlage der Ansätze der Konzeption von 1999 und angepasst an neue Rahmenbedingungen, kann für künftige Erhebungen in Sachsen und darüber hinaus Anwendung finden.

Die vorliegende Landschaftspflegestrategie zählt zusammen mit der räumlichen Strategie des Naturschutzes, der Artenschutzkonzeption, der Biotopverbundplanung sowie dem Fachbeitrag „Naturschutz“ zum Landesentwicklungsplan zu den wichtigen fachlichen Grundlagen des LfULG, welche u. a. der Umsetzung des Programms zur biologischen Vielfalt in Sachsen dienen. Als querschnittsorientierte Konzeption integriert sie verschiedene Zielsetzungen der anderen Strategien und belegt, mit welchem finanziellen Aufwand jährlich bei deren Realisierung zu rechnen ist. Der Vergleich von Finanzbedarf und tatsächlichen Ausgaben für Landschaftspflegeleistungen zeigt bezüglich der Verwaltungsebenen „Land“ und „Landkreis“ die Defizite und den Korrekturbedarf auf. Durch die Gegenüberstellung der Landschaftspflegekonzeption von 1999 mit der aktuellen  Landschaftspflegestrategie wird erstmals eine – wenn auch nur grobe – Einschätzung der Steuerungsfähigkeit des Fördersystems für die Landschaftspflege möglich, welche in Sachsen vorwiegend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basiert. Die Landschaftspflegestrategie bildet zudem die Vergleichsgrundlage für die angestrebte Bilanzierung ab dem Jahr 2020. Mit dem Fortschreiben der Strategien im Turnus von 10 Jahren besteht somit eine Art Revisionssystem, welches das naturschutzspezifische praktische Handeln im Freistaat Sachsen in einem relativ weit gespannten Bogen betrachtet und bewertet und somit Richtungsentscheidungen ermöglicht.

Die wichtigsten Ergebnisse können wie folgt umrissen werden:

  • Die landschaftspflegerelevante Biotopfläche in Sachsen wurde aktuell mit rund 143.000 ha ausgewiesen. Sie macht damit ca. 7,8 % der Landesfläche Sachsens aus.
  • Für alle pflegerelevanten Biotoptypen wurden Kostensätze kalkuliert, die sich an typischen Maßnahmen der Landschaftspflege und an aktuellen Fördersätzen in Sachsen orientieren. Es wurde ein Bedarf von rund 49 Mio. Euro pro Jahr für die Pflege und Entwicklung von Biotopen in Sachsen kalkuliert. Räumliche Handlungsschwerpunkte wurden auf Kreis- und Naturregionen-Ebene aufgezeigt.
  • Der Restrukturierungsbedarf für Landschaftselemente und Biotopstrukturen (v.a. Gewässer-, Saum- und Gehölzstrukturen im Agrarraum) wurde mit 16 Mio. Euro pro Jahr bilanziert, die auf 25.000 ha Fläche umzusetzen wären.
  • Eine neue Artenschutzstrategie soll mit den Ergebnissen des FuE-Projektes „Erarbeitung einer Konzeption für den Artenschutz als Beitrag zur Biodiversität“ (Artenschutzkonzeption) realisiert werden. Die gegenwärtig absehbaren Kosten für spezifische Aufgaben des Artenschutzes in Sachsen belaufen sich auf 2,43 Mio. Euro pro Jahr.
  • Als SOLL-Größe der Landschaftspflege in Sachsen wurde eine Summe von 67,4 Mio. Euro pro Jahr ermittelt, davon 49 Mio. Euro für Biotoppflege und pflegliche Nutzung, 16 Mio. Euro für Restrukturierungsmaßnahmen und 2,4 Mio. Euro für den speziellen Artenschutz. Insgesamt ist damit eine um ca. 23,4 Mio. Euro höhere Bedarfssumme als vor einer Dekade kalkuliert worden, was durch einen größeren Aufgabenumfang, die Teuerungsrate, aber auch durch methodische Verbesserungen bedingt ist.
  • Zur Analyse der Förderumsetzung im Freistaat Sachsen wurden für das Referenzjahr 2009 die Daten des Agrarberichtes (Agrarbericht in Zahlen 2009) zu den Förderrichtlinien „Agrarumweltmaßnahmen und Waldmehrung“ (RL AuW/2007), "Wald und Forstwirtschaft"  (RL WuF/2007) und „Natürliches Erbe“ (RL NE/2007) ausgewertet. Insgesamt betrug die IST-Förderumsetzung im Bereich Naturschutz und Landschaftspflege für das Bezugsjahr 2009 aus diesen Programmen rd. 12,5 Mio. Euro.
  • Zwischen Bedarf und Umsetzung klafft eine Finanzierungslücke von 36,5 Mio. Euro. Während für Grünland oder Teichbiotope der SOLL-IST-Vergleich recht positiv ausfällt, sind die realisierten Förderungen auf Acker- und Waldflächen marginal. Die Mittelausstattung ist vor allem für Maßnahmen, die mit deutlichen Ertragseinbußen verbunden sind (z. B. naturschutzgerechte Acker- bewirtschaftung), in der Regel unzureichend und unattraktiv. Aufgrund der SOLL-IST-Lücke kann nicht erwartet werden, dass die aktuell vorgegebenen Naturschutzziele, wie Umsetzung Natura-2000 oder Stopp des Biodiversitätsverlustes, erreicht werden. Andererseits sind die Anstrengungen zur Landschaftspflege in Sachsen in vielen Bereichen durchaus erfolgreich. So ist es nicht nur gelungen, anthropogene Biotope wie Trocken- und Halbtrockenrasen, Zwergstrauchheiden und Borstgrasrasen, Berg- und Feuchtwiesen oder Steinrücken und Weinbergsmauern zu erhalten, es haben sich auch Bestände früher stark bedrohter Arten wie der Seeadler wieder erholt, einst ausgestorbene Arten wie der Wolf sind zurückgekehrt oder sie konnten wie der Lachs wieder angesiedelt werden.
  • Die vorliegende Landschaftspflegestrategie zeigt neben umfangreichen Analysen eine Vielzahl von Ansätzen, wie die verbleibenden Defizite überwunden werden können. Die strategischen Vorschläge beinhalten insbesondere Ansatzpunkte

    • für eine verbesserte Ausrichtung und Ausgestaltung der Förderung,
    • zur Sicherung der künftigen finanziellen Ausstattung der Naturschutzförderung,
    • hinsichtlich neuer Herausforderungen im Zusammenhang mit Neobiota, Biotopverbundsystemen, der energetischen Verwertung von Biomasse aus der Landschaftspflege, der Eingriffsregelung, Ökokonten und Flächenpools sowie auch
    • zur besseren Naturschutzverwaltung und -beratung.

  • Zu einer Bilanz der Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen gehört auch eine Erfolgsbewertung, wobei diese nicht auf die Statistik der Förderflächen und auch nicht auf die ausgegebenen Gelder beschränkt sein darf. Es kommt darauf an festzustellen, wie sich der Zustand der Biotope und Arten verändert und welche Erfolge spezifische Maßnahmen tatsächlich erbracht haben. Dafür wurde ein Konzept für ein sächsisches Monitoring- und Prüfsystem der Landschaftspflege erarbeitet und vorgeschlagen.

Dr. Karsten Grunewald und Dr. Ralf-Uwe Syrbe, IÖR Dresden

www.ioer.de

Laufzeit

08/2009 - 11/2011

 

Ansprechpartner

Dr. habil. Karsten Grunewald
Tel. +49 (0) 351 46 79 227
K.Grunewald[im]ioer.de

Dr. Ralf-Uwe Syrbe
Tel. +49 (0) 351 46 79 219
R.Syrbe[im]ioer.de