Leeres Land und bunte Stadt? - Räumliche Differenzierung im Zeichen des demographischen Wandels

Internationale Konferenz vom 07. - 08.05.2009 in Berlin

"Leeres Land und bunte Stadt?" fragten sich die Teilnehmer einer internationalen Konferenz vom 7. bis 8. Mai 2009 in Berlin, ausgerichtet von den raumwissenschaftlichen Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft und der TU Dresden. Der Titel konfrontiert mit einem Szenario räumlicher Entwicklung, ausgelöst durch den demografischen Wandel: Auf der einen Seite stehen die wirtschaftlich vitalen, urbanen Zentren als Sammelbecken ganz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, auf der anderen Seite die peripheren, ländlichen Gebiete, geprägt durch selektive Bevölkerungsverluste. Der Titel impliziert auch: Gewinnerregionen auf der einen Seite, Verlierer auf der anderen. Doch lässt sich die vom demografischen Wandel beeinflusste Ausdifferenzierung der Bevölkerungsentwicklung wirklich so einfach charakterisieren? Ist der demografische Wandel an bestimmte Räume gebunden? Gibt es auch prosperierende ländliche Regionen? Welche besonderen Problemlagen ergeben sich aus der Zunahme der räumlichen Disparitäten? Und worin liegen die Herausforderungen für die Raumordnung? Die Konferenz "Leeres Land und bunte Stadt? " mit rund 190 Teilnehmern verstand sich als Plattform, um aktuelle Forschungen zur zunehmenden Diversität räumlicher Entwicklung in Zeiten des demografischen Wandels vorzustellen und gemeinsam mit Vertretern aus Wirtschaft, Planungspraxis und Politik zu diskutieren.

Räumliche Entwicklungen differenziert betrachten

Den Konferenzauftakt gaben zwei Wissenschaftler und Direktoren, deren Institute bereits intensiv raumwissenschaftliche Fragen des demografischen Wandels untersuchen: Prof. Dr. Bernhard Müller vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden und Prof. Dr. Rainer Danielzyk vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund. Bernhard Müller zeigt deutlich, dass der demographische Wandel - Bevölkerungsrückgang, niedrige Geburtenraten, Alterung - europaweit von Bedeutung ist. Kein Land in Europa könne sich dem Thema heute mehr verschließen. Allerdings seien bisher kaum funktionierende Netzwerke zum Erfahrungsaustausch zwischen Städten und Regionen in Europa organisiert worden. Beide Referenten stellten in ihren Vorträgen heraus, dass der Begriff demografischer Wandel schon lange in der Praxis angekommen ist. Dennoch, so betonte Rainer Danielzyk, werde trotz der Einrichtung von Modellprojekten zum demografischen Wandel bis hin zur Ernennung von Demografiebeauftragten noch nicht genug getan, um den Herausforderungen zu begegnen. Hinzu komme, dass es oft schwierig sei, das Thema demografischer Wandel mit all seinen Konsequenzen und in seiner Komplexität in Politik und Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dafür sei die teilräumliche Entwicklung einfach zu differenziert und klare Fronten, beispielsweise ein deutlicher Stadt-Land-Gegensatz, fehlten. Als umso wichtiger erachteten beide Wissenschaftler daher die intensive Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis.

Die Herausforderung des demografischen Wandels betrifft ganz unterschiedliche Handlungsfelder - dementsprechend breit angelegt waren auch die Themen der Konferenz, die in mehreren Sessions diskutiert wurden. Sie reichten von kinderfreundlicher Politik, Bildungspolitik, Infrastruktur- und Wohnungsmarktentwicklungen bis zur Diskussion der Zukunft von Städten und ländlichen Räumen. "Leeres Land und bunte Stadt?" widmete sich somit aktuellen Fragestellungen der Stadt- und Regionalplanung mit hoher Brisanz und dringendem Handlungsbedarf. Von besonderem Interesse zeigten sich die politischen Steuerungserfordernisse, die vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in Deutschland und Europa bestehen.
Handlungsansätze der Gestaltung der Folgen des demografischen Wandels waren dann auch Thema eines Streitgespräches zwischen Prof. Christiane Dienel, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit und Soziales von Sachsen-Anhalt und Regina Sonnabend vom IBA 2010-Büro am Nachmittag des ersten Konferenztages, das Dr. H.-U. Oel fachkundig leitete.

Begrifflichkeiten überdenken

Eine entscheidende Schlussfolgerung aus den Beiträgen der Konferenz ist die Erkenntnis, dass es in Zukunft einen noch differenzierteren Umgang mit dem Terminus demografischer Wandel geben muss. Insbesondere der Begriff Alterung müsse genauer betrachtet werden, unter Umständen auch durch eine Abkehr von noch vorhandenen überkommenen Denkstrukturen. Für die Forschung sei ein differenzierter Umgang mit den Begriffen "Altersstrukturen" und "Altersklassen" notwendig. Alterung könne nicht nur anhand der Lebensjahre bemessen werden. Es gehe vielmehr darum, unterschiedliche Lebenslagen zu betrachten. Auch andere statistische Konstrukte zum demografischen Wandel seien zu hinterfragen bzw. differenzierter zu betrachten: Dazu gehörten Begriffe wie Zuwanderung, "Ausländer" oder "Integration". Darüber hinaus sei der demografische Wandel ein historisches Phänomen. Bis in das Mittelalter zurück habe es vergleichbare Erscheinungen gegeben. Eine Einbettung und Verortung der aktuellen Forschung in die historische Dimension sei demzufolge notwendig. Aber vor allem ginge es um die Erforschung der Leitbilder und Ziele der Gesellschaft: Wohin soll die Gesellschaft steuern, wo liegen Chancen, wo Risiken?

Abkehr vom Wachstumsparadigma

Viele Referenten bemängelten, dass die Herausforderungen des demografischen Wandels vor allem in der räumlichen Planung nicht entschieden genug angenommen worden wären. So hätten das Phänomen und die daraus resultierenden Anforderungen an die räumliche Planung bereits in den 1970er Jahren erkannt werden können. Dennoch sei in der Ausgestaltung der Planungsinstrumente und Planungsziele das Wachstumsparadigma stets im Vordergrund geblieben.
Für die Zukunft wünschten sich die Teilnehmer der Konferenz, zuerst vorrangig nach alternativen Szenarien der Raumentwicklung zu suchen. Dazu gehöre auch darüber nachzudenken, welche Anreizsysteme Stagnation oder Schrumpfung "belohnen" könnten. Viele Referenten wiesen in ihren Ausführungen darauf hin, dass zukünftig besser angepasste Formen der gesellschaftlichen Steuerung notwendig seien: Wie können Akteure aktiviert werden, sich an der Gestaltung der Gesellschaft in der Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels zu beteiligen? Welche Formen kann es geben, wie wirkt sich das in den unterschiedlichen Politikfeldern aus?

Wie umgehen mit (urbaner) Leere?

Die Konferenz bot auch einen Rahmen für die Vertiefung des Diskurses um den Begriff der  "Leere" aus der Sicht der Vertreter verschiedener Fachdisziplinen. Ihm werde in Zusammenhang mit schrumpfenden Städten und Regionen meist eine negative Wertung zuteil. Leere heiße, dass etwas fehle ? Bevölkerung und somit Wirtschaftskraft und Zukunftsfähigkeit. Leere bedeute auch Leerstand: Schrumpfende Städte seien geprägt durch Perspektivlosigkeit, die sich spiegele in verlassenen Gebäuden. In mehreren Vorträgen wurde die vermeintlich negative Rolle der Leere in Frage gestellt: Kann Leere nicht auch als Chance, zum Beispiel für einen Neuanfang, begriffen werden? Neue Denkansätze zum Umgang mit der Leere im städtischen Kontext wurden vorgestellt, die darauf abzielten, vorübergehend nicht mehr gebrauchte Strukturen der gebauten Umwelt in den Zustand der Latenz zu versetzen, sozusagen ein geschütztes Liegenlassen von Bausubstanz. Neben den bisher dominierenden Instrumenten des Stadtumbaus könne sich dies als "dritter Weg" etablieren.
Nicht die Leere sei das Problem, sondern der Entleerungsprozess. Selbst dünn besiedelte ländliche Räume könnten nicht als "leer" bezeichnet werden, da es überall Spuren menschlicher Nutzung gebe. Am Beispiel äußerst dünn besiedelter Regionen im Norden Schwedens zeigte Prof. Gunnar Malmberg in einem Schlüsselvortrag, dass selbst solche Gegenden noch von nomadisierenden Sami bewohnt oder zumindest beansprucht würden und deshalb nicht als "leer" zu bezeichnen seien.

Forum für Nachwuchswissenschaftler

Die Konferenz "Leeres Land und bunte Stadt?" war konzipiert als Abschlussveranstaltung eines gemeinsamen Projektes der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, des Leibniz-Instituts für Länderkunde, des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung, des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung und der TU Dresden. In dem Projekt "Demografischer Wandel - Komplexität als Herausforderung für die Stadt- und Regionalentwicklung" erhielten sieben Nachwuchswissenschaftler Stipendien zur Erstellung von Dissertationen. In den Promotionsarbeiten widmeten sich die Stipendiaten exemplarisch einigen Bereichen, in denen die Auswirkungen des demographischen Wandels besonders spürbar werden, zum Beispiel in der Infrastrukturplanung, den kommunalen Finanzen oder der Wohnungswirtschaft. Alle Stipendiaten präsentierten die wesentlichen Ergebnisse ihrer Arbeiten auf der Konferenz in Berlin. Auch vielen anderen Nachwuchswissenschaftlern der Raum- und Planungswissenschaften bot die Veranstaltung ein hochrangiges Forum zur Präsentation ihrer Forschungsleistungen, auf dem sie ihre Ergebnisse mit etablierten Forschern wie auch mit Vertretern der Praxis diskutieren konnten.

Impressionen der Konferenz