Biodiversität braucht Raum!

Tagung am 18. September 2009 in Dresden

Biodiversität ist in den letzten Jahren zu einem zentralen politischen Begriff geworden. Grund dafür ist der alarmierende Rückgang von Lebensräumen und Arten weltweit. Die IÖR-Tagung "Biodiversität braucht Raum" sollte Fachleuten und Entscheidungsträgern aus Wissenschaft, Planung und Politik einen Überblick aus raumwissenschaftlicher Sicht über das Themenfeld verschaffen. Im Rahmen der Veranstaltung wurden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, wie und mit welchen Mitteln biologische Vielfalt gesichert werden kann und welcher Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt und  Naturerleben als zentraler Bestandteil menschlichen Wohlergehens  besteht.

Im Auftaktreferat  legte Dr. Alfred Herberg (Bundesamt für Naturschutz, BfN) mit eindrücklichen Zahlen dar, dass die akute Gefährdung der Biologischen Vielfalt keineswegs nur tropische Regenwälder in Madagaskar oder Südostasien betrifft, sondern auch in Deutschland Handlungsbedarf besteht. Hierzulande gelten 72% der Lebensraumtypen als gefährdet.  Dem Trend entgegensteuern soll die nationale Strategie zur biologischen Vielfalt mit fünf Themenschwerpunkten. Darin sind 330 Ziele mit Zeitpunkt benannt, wann diese erreicht sein sollen. Dr. Alfred Herberg stellte in seinen Ausführungen die Aktivitäten des BfN vor, die den Erhalt biologische Vielfalt in Deutschland zum Ziel haben, z. B. durch Förderung von Forschungsvorhaben, Verbändeförderung und Naturschutz-Großprojekte. Abschließend stellte er fest, dass die Umsetzung der nationalen Strategie aber nicht alleinige Aufgabe des Bundes sei, sondern alle gesellschaftlichen Akteure einbeziehen müsse.

Dr. Katrin Vohland vom Potsdam Institut für Klimaforschung legte in ihrem Vortrag den Einfluss des Klimawandels auf biologische Vielfalt und den daraus resultierenden Herausforderungen für die Landschaftsplanung dar. Durch den Klimawandel bestehen Gefährdungen für eine Reihe von Tierarten. Besonders deutlich wird dies an veränderten Abflussregimen in Gewässern.  So ist das Bachneunauge durch Niedrigwasser und geringeren Abfluss in Bächen massiv bedroht. Terrestrische Arten sind durch z. T. ganz erhebliche räumliche Verschiebungen von geeigneten Lebensräumen betroffen. Um diese Arten  zu schützen, besteht ein Bedarf an großräumigen ungestörten Lebensräumen und deren Vernetzung, damit Anpassungen erfolgen können und Ausweichmöglichkeiten in klimatisch geeignetere Gebiete möglich sind.  

Dr. Juliane Mathey (IÖR) zeigte in ihren Ausführungen auf, das Städte trotz intensivster Landnutzung und anthropogener Veränderungen Chancen für die Sicherung und Entwicklung biologischer Vielfalt bieten. Trotz hohem Versiegelungsgrad und gestörtem Wasserhaushalt gibt es vielfältige Strukturen, z. B. für viele wärme- und trockenliebende Arten, zudem bieten sich interessante Ersatzlebensräume für heimische Arten, z. B. Turmfalke, die in den ausgeräumten Agrarlandschaften kaum noch Überlebenschancen finden. Stadtgrün erbringt auch Klimaleistungen, das die Folgen des Klimawandels abmildern kann. Auch bringt Stadtgrün ein Plus an Lebensqualität und kann, sorgfältig geplant, identitätsstiftend für Stadtquartiere sein.

Prof. Dr. Konrad Reidl (FH Nürtingen) berichtete aus seinen Forschungsergebnissen, dass erreichbares städtisches Grün eine zentrale Bedeutung für die urbane Lebensqualität besitzt und oftmals über Zu- oder Wegzug entscheidet. Bereits eher naturferne, kultivierte  Stadtparks ermöglichen Begegnungen mit der Natur. Chancen bieten der Strukturwandel und das Freiwerden von innerstädtischen Flächen. Brachen können in verschiedenen Formen als Naturerlebnisraum angeeignet werden und bieten für Kinder eine interessante Ergänzung zu herkömmlichen Spielplätzen. Diese Erlebnisräume fördern Kreativität, durch den spielerischen Zugang wird ein achtsamer Umgang mit Tieren und Pflanzen erlernt.

Prof. Dr. Werner Konold (Universität Freiburg) warf in seinem Vortrag die Frage auf, ob biologische Vielfalt in der Kulturlandschaft durch traditionelle Rezepte oder neue Ideen bewahrt werden kann. Durch das frühere Wirken des Menschen, das durch ein Hier-und-dort, hin-und-wieder, sowohl-als-auch charakterisiert ist, ist in der Kulturlandschaft eine hohe biologische Vielfalt entstanden. Durch eine hohe Frequenz von Eingriffen wird die biologische Vielfalt in Kulturlandschaften gefährdet. Er warb  für ein Verbinden von Bewährtem und Neuem und ein sich Einstellen auf Neues. Altes, Archaisches soll bei der Landschaftsgestaltung ganz bewusst mit einbezogen und neu etabliert, dabei aber Kontinuität in der Landschaft gewahrt werden. Herausforderungen sind, neue Funktionen für Vertrautes zu schaffen, dabei zeitgenössische Elemente einzubeziehen und damit Eigenart von Morgen zu schaffen sowie Mut zur stilvollen Gestaltung aufbringen.

Dr. Gerd Lupp (IÖR) verwies in seinen Ausführungen darauf, dass man sich intensiv mit verschiedenen Lebensstilen befassen muss, wenn man die bereits geforderte breite Einbeziehung aller Bevölkerungsschichten erreichen möchte. Das Zugrundelegen von Lebensstilen ermöglicht demnach, Menschen in ihrer Alltagsrealität und der damit verbundenen Naturwahrnehmung abzuholen, um sie zielgerichtet zu erreichen und für die Belange der Biodiversität zu sensibilisieren.

Abschließend referierte Annette Decker (Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie) über Handlungsansätze im Freistaat Sachsen. Breiten Raum nimmt danach die Erarbeitung von Kriterien zur Erfassung von besonders wertvollen Landschaften ein, um deren Schutz zu ermöglichen und sie für den Menschen zu erhalten.

 

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