Workshop

Grundlagen der Bewertung von Ökosystemdienstleistungen in Deutschland und Russland

am 3./4. Dezember 2012 in Moskau

Fotos: IÖR

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Kurzbericht

Am 3. und 4. Dezember 2012 fand in Moskau der erste Workshop im Rahmen der BfN-Serie statt. Rund 35 Experten aus Deutschland, Russland, der Ukraine, Weißrussland, Armenien und Aserbaidschan nahmen an der Veranstaltung teil (Teilnehmerliste, Fotogalerie). Es wurden 19 Vorträge (deutsch-russisch) gehalten und es stand ausreichend Zeit für Diskussionen zur Verfügung, die intensiv genutzt wurde (Programm und Vortrags-pdf's im Internet verfügbar).

Im Fokus des ersten Workshops standen die Grundlagen der Ökosystemdienstleistungen (ÖSD) im Rahmen des TEEB-Prozesses: Hintergründe, Begriffe, Rahmenmethodik, physische Kartierungs- und ökonomische Bewertungsansätze, Szenarien und Partizipation, Politikmix, Zahlungen für ÖSD (PES), erste Fallbeispiele (Moore) sowie regionale bzw. nationale Studien (NUS-Staaten).

Mit dem Workshop wurde ein kontinuierlicher und notwendiger Austausch zwischen Wissenschaftlern, Politikern und Praktikern ermöglicht, der auf bisherige Veranstaltungen aufbaut, u.a.

  • Workshop: "The TEEB project - Economics of Ecosystems and Biodiversity: prospects of participation of Russia and other NIS countries", Moskau, 24.02.2010; über 50 Teilnehmer aus Weißrussland, Moldawien, Russland und Ukraine;
  • Konferenz "Integration of ecosystem services in the economics of NIS countries", Moskau, 28.‑29.03.2011 mit ca. 70 Teilnehmern aus Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Deutschland, Italien, Kasachstan, Kirgisistan, Moldawien, Russland, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine und Usbekistan;
  • International Expert Workshop "Exchange on TEEB Processes in European Countries" (Oktober 2011) Internationale Naturschutzakademie, Insel Vilm, Deutschland.

Weitere Treffen sollen in den kommenden Jahren folgen und die Initiierung und Implementierung der TEEB-Prozesse voranbringen. Dabei kann auf die Unterstützung der deutschen und russischen Ministerien gebaut werden.

Die Ergebnisse des 1. Workshops werden in einer zweisprachigen Broschüre erscheinen und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt (Wissenschaftler, Politiker, Entscheidungsträger etc.). Darüber hinaus ist angedacht, das Buch „Ökosystemdienstleistungen - Konzept, Methoden und Fallbeispiele" (2012, Springer-Akademie Verlag, Hrsg. Grunewald/Bastian) ins Russische zu übersetzen.

Ergebnisse der Diskussion, Festlegungen

a)      Grundlagen: Begriffe, Klassifikation, Rahmenmethodik

Hierzu besteht weitgehend Konsens; Darstellungen aus den TEEB-Studien, dem ÖSD-Buch 2012 (Hrsg. Grunewald/Bastian), CICES etc. sollen verwendet werden. Es wird angeregt (Schmauder), analog zum  deutsch-russischen Umwelt-Fachwörterbuch eines für ÖSD zu erstellen (evtl. auch englisch). In Russland kommt der ÖSD-Begriff oft nicht gut an (Sacharov).

b)      Zum Stand des TEEB-Prozesses

In Deutschland ist das Projekt „Naturkapital Deutschland" angelaufen. Kern ist die Erarbeitung von vier Berichten (Klima, ländlicher Raum, Städte und Zusammenfassung); ein National Assessment erfolgt noch nicht.In Russland erfolgt die Implementierung des TEEB-Prozesses sehr schleppend. Es besteht bisher kein rechtliches System, das ÖSD-Entscheidungen fordert (gleichwohl sehen einige russische Experten ÖSD als künftige Währung). Naturschutz-Anreize fehlen bisher (bspw. Agrarumweltprogramme), sondern es wird auf Kompensations- und Strafansätze gesetzt.Fazit: Eine entscheidende Rolle wird den Instrumenten zukommen, um ÖSD zu implementieren (welche sind leistungsstrak und funktionieren bereits, wo mangelt es – dazu werden erste Beispiele diskutiert)

c)       Kartierung, physische Bewertung von ÖSD, Szenarienmethode

Es wurden interessante, nutzbare Ansätze vorgestellt (z. B. Burkhard, Bukvarieva, Puzachenko, Syrbe), allerdings sind die Verfahren aufwendig und es ist zu fragen, welche Genauigkeit tatsächlich benötigt wird. Es wurde darauf verwiesen, dass es keine „einfachen Kochrezepte" gibt (Grunewald). Umfangreiche, landesweite ÖSD-Erhebungen liegen nicht vor, so dass zunächst die Bearbeitung von Pilotstudien anzustreben bzw. weiter zu forcieren wäre (mögliche regionale Schwerpunkte werden von Prof. Sacharov und Prof. Drozdov unterbreitet, aber die genaue Zielstellung bleibt noch vage – z.B. gute Datenlage; Gebietsgouverneur in Tomsk aufgeschlossen).

d)      Ökonomische Verfahren, Monetarisierung von ÖSD

Methoden bekannt, vergleichbar (Bobylov, Perelet u.a.); Fallbeispiel Wichmann (CO2-Methoden, Moor-Futures) positiv aufgenommen.

Thesen von Schweppe-Kraft:

Die ökonomische Sichtweise ist deutlich breiter, als Ökologen häufig annehmen. Es gibt z.B. eine Ökonomie des Staatsversagens, die viel zur Erklärung der Regelungsdefizite im Umwelt- und Naturschutzbereich beitragen kann. Es gibt eine Ökonomie von Parteiensystemen, eine Ökonomie des Lobbyismus, die Umwelt- und Naturschutzökonomie, sogar Ansätze zur ökonomischen Analyse von Liebesbeziehungen.Die ökonomische Theorie ist nicht die Theorie des Kapitalismus, sondern inzwischen eher eine Theorie für eine optimale Regulierung und Steuerung des Kapitalismus.Alles, was einen ökonomischen Wert hat, hat dies nur, weil es gleichzeitig auch eine physische und emotionale Bedeutung hat. Die physische und emotionale Wirkung ist die Grundlage für jeden ökonomischen Wert. Dies gilt für Güter, die auf dem Markt gehandelt werden genauso wie für Ökosystemleistungen.Ökonomische Bewertung muss nicht in Geldeinheiten erfolgen. Es kann z.B. auch in Verzicht auf Glass Bier pro Monat bewertet werden. Das Problem ist, das manche kein Bier mögen. Geld oder besser Einkommen (auf dem Workshop wird auch die Arbeitsleistung in Stunden ins Spiel gebracht, Anm. Grunewald) ist eine intersubjektiv wesentlich besser vergleichbare Einheit als Bier.Andere generalisierende Bewertungseinheiten für Ökosystemleistungen, wie z.B. Energie, kann man leicht in Geldeinheiten umrechnen. Auch Biodiversitätsindizes kann man in Geldeinheiten umrechnen, z.B. auf der Grundlage mittlerer Wiederherstellungskosten für Ökosystemtypen und Lebensräumen.Generalisierende physische Indikatoren beinhalten ähnlich wie monetäre Bewertungen die Gefahr, dass sie dem nicht ausreichend informierten Laien grenzenlose Austauschbarkeit vorgaukeln. Wir basieren aber nicht auf einer einzigen austauschbaren Einheit, sondern auf einem Netzwerk unterschiedlicher miteinander verflochtener ganz konkreter Naturleistungen. Dennoch wird es wahrscheinlich in Zukunft neben monetären Bewertungen des Naturkapitals zunehmend auch vereinheitlichende physische Indikatoren geben. Allein schon deshalb, weil die internationalen Normen für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und die umweltökonomische Gesamtrechnung aufgrund ihrer restriktiven Regeln keine ökonomische Bewertung des Naturkapital auf der Grundlage des Total Economic Value zulassen.Ökonomische Bewertungen von Ökosystemen und Biodiversität, ökonomische Anreize für Ökosystemleistungen oder die Schaffung von Märkten für ökologische Leistungen sind in gewisser Weise jeweils eine Ökonomisierung der Ökologie. Andererseits ist dies gleichzeitig auch ein Schritt, der die Ökonomie wieder an ihre Basis zurückführt. Diese Basis sind nicht Finanzdienstleistungen und Geldmärkte, sondern es sind im Wesentlichen die Natur und der Mensch.

e)      Stand in ausgewählten NUS-Staaten

Ukraine, Weißrussland – Konzept bekannt, erste Schritte (z.T. mit deutscher Hilfe) angegangen; deutsch-ukrainische Pilotprojekte sollen ausgelotet werdenArmenien und Aserbaidschan – noch ganz am Anfang (präsentieren Naturschönheiten und Schutzgebietsmanagement); Mamedov: lokale Bevölkerung arbeitet mit, aber nur unter zwei Bedingungen: kein Arbeitsplatzabbau und keine neuen/höheren SteuernAllgemeines Dilemma: „schöne, wertvolle Landschaften/Natur", aber regional oft sehr arme Bevölkerung – über ÖSD-Ansatz Lösungswege möglich?

f)       Weitere Diskussionspunkte, Bemerkungen

Kann der Mensch die ökologische Zerstörung verhindern (ökol.-ökonomische Barrieren schaffen)? (Perelet) Sind die neuen Bewertungsparadigmen geeignet? Tipping points? (kritischer Zustand der Ressourcen/Ökosysteme)?Wie kann man ÖSD aufrechterhalten? – Regionen suchen, die bereit sind, dafür zu zahlen? Energieunternehmen (kompensieren bisher kaum) stärker beteiligen!War es ein Fehler, dass Russland in der 2. Phase aus den Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls ausgestiegen ist? – wahrscheinlich ja (Samolotschikov): Zum Vergleich: China hatte als „Entwicklungsland" keine Einschränkungen; USA ist ausgestiegen, da man sehr viel hätte zahlen müssen – das Geld hat man recht erfolgreich in „eigene Reduzierung" gestecktRaubbau in russischen/urkrainischen Städten, Suburbanisierungsprobleme; aber Rolle der Bürger wächst; Datsche ist kein Zweitwohnsitz (daher keine Steuer), das Land zählt weiter als AgrarlandKeine „bereitstellende Planung" in Russland (Spirin); Impulse aus Öko-Russ-Projekt („Ökologisierung der russischen Raumplanung", IÖR und St. Petersburg, 2012-2014) erwartetRussland und Ukraine sind wie Mineralwasser-Schwestern – eine mit, die andere ohne „Gas" (Melnyk); Rohstoffe wie Kohle, Öl, Gas in die ÖSD-Betrachtung Russlands einbeziehen (Grunewald)!Weißrussland (Chomich): mit dem Anstieg der Energiepreise rückt Torfabbau wieder stärker in den Blickpunkt; Konflikt, da die nutzbaren Lager in Naturschutzgebieten liegen

Fazit: Workshop wird von den Teilnehmern als gelungen/fruchtbar eingeschätzt. Die Vorträge sollen über das Internet, schriftliche Nachbereitungen (ca. 6 Seiten je Vortrag in deutsch und russisch) in Broschürenform veröffentlicht werden.

Ansprechpartner

Dr. Karsten Grunewald, c.grunewald[im]ioer.dek.grunewald[im]ioer.de
Dr. Ralf-Uwe Syrbe, r.syrbe[im]ioer.de

Downloads Vorträge

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