KuLaKon Abschlusskonferenz

Die Idylle im Kopf

Konstituierung von Kulturlandschaft: Wie wird Landschaft gemacht?

Voller Saal mit Teilnehmer(inne)n bei der KULAKon Abschlusstagung (Foto: Peter Müller, ARL)
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Im Rahmen einer zweitägigen Konferenz am 12. und 13. Mai 2011 in Hannover wurden die Ergebnisse des DFG-geförderten Projektverbunds "Konstituierung von Kulturlandschaft - KULAKon" vor ca. 80 Teilnehmer(inn)en aus Wissenschaft und Planungspraxis vorgestellt. Darin haben die raumwissenschaftlichen Leibniz-Institute zusammen mit der TU Berlin den Begriff „Kulturlandschaft“ und die dahinter liegenden konstitutiven Vorstellungen und Prozesse auf verschiedenen Ebenen analysiert.

In ihrer Begrüßung erinnerte Prof. Dr. Heiderose Kilper, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Erkner), an die Perspektive des  Sozialkonstruktivismus als Leitansatz für die Untersuchungen, demzufolge "Kulturlandschaft" als Konstrukt in den Köpfen der Menschen entsteht. Diese Perspektive sei aber auch genutzt worden, um neue, aufgeklärte Sichten auf den materiellen Raum zu entwickeln.

Dr. Sabine Tzschaschel, Leibniz-Institut für Länderkunde (Leipzig), fasste rückblickend die Entwicklung des Projektverbundes, die Themenauswahl und die Herangehensweise bei der Bearbeitung zusammen. Im Zentrum stand die kulturell-gesellschaftliche Genese dessen, was "Kulturlandschaft" genannt wird. Als Vorteile der Verbundforschung hob sie u. a. die unterschiedlichen Zugänge zu einem Thema, den Methodenaustausch und die Spiegelung in die Praxis hervor, was dank der unterschiedlichen Partner aus Raumforschung, Planung, Geographie, Sozial- und Kulturwissenschaften möglich wurde.

Für Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne, Universität des Saarlandes, ist Landschaft ein Konstrukt aus individueller Wahrnehmung und Prozessen der Sozialisation. Welche Landschaft als schön empfunden wird, definieren die Mächtigen, deren Normen und Geschmäckern sich die Masse anpasst. So wird Landschaft zum Machterhalt instrumentalisiert. Prof. em. Dr. Ludwig Fischer unterstrich in seinem Beitrag den Zusammenhang zwischen dem Begriff "Kulturlandschaft" und menschlicher Arbeit. „Kulturlandschaft“ entsteht erst durch menschliche Arbeit an der Natur. Demzufolge sei es zwingend, die Dialektik von Arbeit und Natur in das Konzept von Kulturlandschaft aufzunehmen.

Nachmittags folgten Beiträge über die "Subjektive Konstruktion von Kulturlandschaft", moderiert von Prof. Dr. Stefan Heiland, TU-Berlin. Dr. Ronald Lippuner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, präsentierte in seinem Vortrag Grundzüge einer Formtheorie von Landschaft, die sich auf einen sozialwissenschaftlichen Formbegriff stützt. Dorothea Hokema, TU-Berlin, referierte über die "Landschaft der Laien". Sie machte deutlich, dass der Landschaftsbegriff sowohl sozialisations- als auch bildungsabhängig sei. Die Mehrheit der Laien habe jedoch ein eher romantisch-idyllisches Landschaftsbild. Den Schlusspunkt des ersten thematischen Blockes setzte Dr. Monika Micheel, Institut für Länderkunde (Leipzig), mit ihren Ausführungen über Landschaft als selbstverständlichen Teil der Alltagswelt der Menschen, in der Landschaft hauptsächlich als "Erholungs- und Wohlfühlraum" vorkommt.

Das Themenfeld "Planerische Konstituierung von Kulturlandschaft" bildete den nächsten thematischen Schwerpunkt, der den Akzent mehr auf die planerische Arbeit setzte. Die Moderation übernahm Dr. Sabine Tzschaschel. Wera Wojtkiewicz und Prof. Dr. Stefan Heiland hatten sich auf die Suche nach der "idealen Landschaft" in der Landschaftsplanung und deren Einfluss auf die Entwicklung von Landschaft begeben. Anhand semantischer Textanalysen verschiedener Landschaftspläne konnten sie zeigen, dass dort ein eher konservatives Landschaftsverständnis im Sinne kleinräumiger, traditionell-bäuerlich geprägter Raume vorherrscht, gestützt auf eine ökologisch-funktional motivierte Argumentation.

Dipl.-Ing. Ludger Gailing (IRS) befasst sich mit der Konstituierung von Handlungsräumen und Governancestrukturen. (Foto: Peter Müller, ARL)
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Prof. Dr. Heidi Megerle, Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, warf ihren planerischen Blick auf Tourismuslandschaften in den französischen Alpen. Sie stellte zwei Gemeinden in der Vanoise vor, die beide für die touristische Erschließung Kunstlandschaften geschaffen haben, aber mit unterschiedlichen Vorzeichen. Die eine Gemeinde hat mit dem "plan neige" gezielt eine funktionale Retortenlandschaft im Dienste des internationalen "Ski-Zirkus" gebaut. Die andere baute sich ihr Ideal von bäuerlicher Kulturlandschaft unter Erhalt traditioneller Bausubstanz, eingebettet in eine deale Wildnislandschaft. Bei gleichen Voraussetzungen ist eben die Sichtweise der Akteure ausschlaggebend für die Planungskultur.
Zum Ende des ersten Konferenztages ging Dr. Tanja Mölders, Leuphana Universität Lüneburg, am Beispiel des Biosphärenreservates Mittelelbe der Frage nach, inwiefern lokale Akteure die sie umgebende Landschaft als Natur- oder Kulturlandschaft wahrnehmen und interpretieren.

Der nächste Tag begann mit dem Themenblock "Diskursive Konstituierung von Kulturlandschaft", und wurde von Ludger Gailing, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Erkner), moderiert. Landschaftskonzepte spielen in Windenergiediskursen eine untergeordnete Rolle. Dies konstatierten Dr. Markus Leibenath und Antje Otto, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (Dresden), als sie untersuchten, welche Landschaftskonzepte im politischen Diskus gebildet werden und welche Argumentationsmuster genutzt werden. Brüchig wird die scheinbare Geschlossenheit des Pro-Windkraft-Diskurses dort, wo Befürworter auf konservative Konzepte wie "schönes, erhaltenswertes Gebiet" treffen. Argumentationsmuster der "Verharmlosung und Relativierung" oder der Topos der "richtigen Planung" sollen die Störung beheben.

Markus Schwarzer, Georg-August-Universität Göttingen, beschäftigte sich mit den Bergbaufolgelandschaften Ostdeutschlands. Er arbeitete heraus, wie "die neugestaltete postindustrielle Kulturlandschaft zur symbolischen Konstruktion lokaler und regionaler Identitäten verwendet wird." Im Fokus einer Studie von Dr. Anke Fischer und Dr. Keith Marshall, Macaulay Land Use Research Institute, standen Landschaftsdiskurse um Wald und Moor in Schottland, wo seit Jahrzehnten um verschiedene Nutzungs- und Gestaltungskonzepte der Highlands gestritten wird. Die Studie kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass sich befragte Menschen sowohl für die eine als auch für die andere Variante aussprechen, je nachdem, welche Funktion oder Rolle sie gerade einnehmen.

Unter der Überschrift "Institutionen der Kulturlandschaft" widmete sich der vierte und letzte thematische Schwerpunkt Fragen der Rolle von Institutionen und Governanceformen bei der Konstituierung von Kulturlandschaft. Antje Otto übernahm dabei die Moderation. Ludger Gailing erörterte die Rolle sektoraler Institutionensysteme (wie Naturschutz, ländliche Entwicklungspolitik, Tourismuspolitik) für die Etablierung kulturlandschaftlicher Handlungsräume auf der regionalen Ebene. Er zeigte, dass Raumbilder und -vorstellungen, Traditionen und Zuschreibungen regionaler Eigenarten eine mindestens ebenso große Rolle bei der Ausgestaltung regionaler Governanceformen spielen wie die formellen Regeln des jeweiligen Institutionensystems. Im Anschluss bot Prof. Dr. Marianne Penker, Universität für Bodenkultur Wien, mit ihrem Beitrag über die Landschaftssteuerung und die Verfügungsrechte in Österreich den Anwesenden einen "Blick über den Tellerrand". Dr. Nils Franke, Universität Hamburg, gab schließlich Einblicke in die Konstruktion von Kulturlandschaft aus einer historisch-soziologischen Perspektive.

An der Abschlussdiskussion beteiligten sich auf dem Podium PD Dr. Norman Backhaus (Universität Zürich), Dr. Vera Vicenzotti (TU München), Prof. Dr. Catrin Schmidt (TU Dresden) und Dr. Markus Leibenath (IÖR) als Moderator. (Foto: Peter Müller, ARL)
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In der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Prof. Dr. Stefan Heiland und Dr. Markus Leibenath moderiert wurde, diskutierten PD Dr. Norman Backhaus, Universität Zürich, Prof. Dr. Catrin Schmidt, TU-Dresden, und Dr. Vera Vicenzotti, TU-München, darüber, wie Landschaft gemacht wird. Einigkeit bestand in der Überzeugung, dass die Vorstellung von Landschaft – insbesondere von Kulturlandschaft - im Kopf entsteht und ein Produkt der Sozialisation und der inneren Bilder jedes einzelnen ist. Verbreitetes Idealbild, an dem sich selbst Planer häufig orientieren, ist die romantische Idylle, die letztlich eine Flucht aus der Realität darstellt. Nun ist die Frage: Wie lassen sich diese Bilder verändern im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung und realistische, zukunftsorientierte Sicht? Visualisierung könnte im Diskurs von Experten und Laien "der Vorstellung auf die Sprünge helfen". Offene Stellen bei der Betrachtung von Kulturlandschaft fanden die Diskutierenden außerdem in der historischen Dimension, die bislang nur implizit mitgedacht sei, und in der Frage der Machkonstitution, die man bisher kaum berührt hatte. Hier gibt es deutlichen Forschungsbedarf.

Autor(inn)en:
Andreas Innao (Tel.: +49(0)511-34842-1, Innao[im]ARL-net.de) und
Michaela v. Bullion (Tel.: +49(0)511-34842-56, Bullion[im]ARL-net.de)