Raumforschung für die ökologische Zeitenwende

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Univ.-Prof. Dr. Marc Wolfram, © privat

Erklärung des neuen Direktors des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Prof. Dr. Marc Wolfram, anlässlich seines Amtsantritts am 1. Juli 2019.

Mit Blick auf 2030 stehen Stadt-, Regional- und Raumentwicklung gewaltigen Herausforderungen gegenüber – sowohl im nationalen Kontext wie auch weltweit. Binnen eines Jahrhunderts hat menschliche Aktivität unsere Biosphäre über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus in eine permanente Risikozone manövriert. Massive Veränderungen des Klimas und globaler Nährstoffkreisläufe, der dramatische Verlust von Artenvielfalt und natürlicher Lebensräume sowie das absehbare Ende nicht-erneuerbarer Ressourcen sind dauerhafte ökologische Folgen, die nur noch bedingt umkehrbar sind. Bestehende soziale und wirtschaftliche Disparitäten werden hierdurch drastisch verschärft und durch neue überlagert – auf allen Maßstabsebenen.

Mit dieser globalen ökologischen Krise geht eine Epoche zu Ende, die Entwicklung mit Wachstum verwechselt hat, und Nachhaltigkeit mit technologie-zentrierter Modernisierung. Tiefgreifende und rasche Transformationen sind dringend erforderlich, wie seit langem von der Wissenschaft gefordert, aber zunehmend auch in Politik und Gesellschaft.

Dabei spielt Raum eine zentrale Rolle. Sowohl die Ursachen der skizzierten Probleme als auch mögliche Lösungsansätze verweisen auf räumliche Merkmale und Prozesse: Wirtschafts- und Produktionsstrukturen, Versorgungssysteme und Mobilität, Siedlungsmuster und Wohnformen sowie Lebensstile und Alltagskulturen sind geografisch strukturiert, differenziert und vernetzt, entfalten ihre ökologischen Wechselwirkungen zugleich lokal und über große räumliche Distanzen.

Diese Schnittstelle zwischen ökologischen und räumlichen Dynamiken ist das Arbeitsgebiet des IÖR. Gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren erarbeitet das Institut neues Wissen und Methoden, um die Rolle räumlicher Faktoren in sozial-ökologischem Wandel besser verständlich und für verantwortungsbewusste Steuerung nutzbar zu machen. Dazu vereint das IÖR ein breites Spektrum an Disziplinen unter einem Dach und verknüpft grundlagenbasierte und anwendungsorientierte Forschung zu einem ganzheitlichen Ansatz raumbezogener Nachhaltigkeitswissenschaft.

Die kommende Dekade wird entscheidend sein, um in unterschiedlichsten geografischen Kontexten neue Wege zu beschreiten und dabei auf vielen Handlungsfeldern gleichzeitig systemische Innovationen voranzubringen. Dies birgt enorme Chancen für die Stadt-, Regional- und Raumentwicklung, aber auch große Unsicherheiten und Konfliktpotenzial. Als Direktor des IÖR ist es daher mein zentrales Anliegen, sozial-gerechte ökologische Transformationen national und international mitzugestalten - durch zukunftsweisende Weiterentwicklung der Raumforschung und als Partner für Wissenschaft, Politik und Praxis.


Prof. Dr.-Ing. Marc Wolfram