Zwei Jahre nach der Elbe- und der Weißeritzflut: Forschung und Praxis entwickeln neue Konzepte

12. August 2004

Zwei Jahre nach der Elbe- und Weißeritzflut verdeutlichen zwei Vorhaben unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) die Herausforderungen eines umfassenden Planungsansatzes für ein modernes Flusseinzugsgebietsmanagement. Die Initiative "Regionale Hochwasservorsorge im Einzugsgebiet der Weißeritz" betrachtet das gesamte Flussgebiet mit einer Vielzahl von Akteuren. Das Dresdner Stadtteilentwicklungsvorhaben "LUDA" betrachtet einen lokalen städtebaulichen Rahmenplan für den Bereich Dresden-Weißeritz.

Der Nebenfluss der Elbe, die Weißeritz, verursachte mit seiner Flutwelle vom 12. und 13. August 2002 erhebliche Schäden im Weißeritztal und in Dresden. Erinnert sei an die spektakuläre Überflutung des Dresdner Hauptbahnhofs. Die Elbeflut als Stauflut bewegte große Wassermassen relativ langsam - das Hochwasser dauerte auf der Alarmstufe 2 (ab 5 m Pegelstand) zehn Tage. Der Höchstwert lag bei 9,40 m am 17. August 2004. Demgegenüber produzierte die Weißeritz eine riesige Sturzflut. Bei einer Sturzflut gelangen die Wassermassen mit großer Wucht innerhalb kurzer Zeit talabwärts ins Flussgebiet. In der Stadt Freital nahe Dresden verachtfachten sich die Wassermassen vom 12. August 2002 zum 13. August 2002 und nahmen innerhalb eines Tages genauso schnell wieder ab.

Die Dringlichkeit einer umfassenden und differenzierten Analyse und Vorsorge bei verschiedenen Arten von Hochwassern wurde überdeutlich. Eine umfassende Analyse erstreckt sich von

1.    der Entstehung des Hochwassers (z. B. Niederschlag) über
2.    dessen Abfluss (z. B. Schleppkraft, Ausuferungsbreite) bis hin zu den
3.    Schadenswirkungen - vor allem auf die Bevölkerung und ihre Siedlungen (z. B. Wohnhäuser).

Ein modernes Flusseinzugsgebietsmanagement muss sowohl im Oberlauf als auch im Unterlauf ansetzen und eine Vielzahl von Vorhaben integrieren. Dafür ist ein abgestimmtes Handeln - interkommunal und sektorübergreifend notwendig. Der Sächsische Landtag und die zuständigen Ministerien sowie die Landeshauptstadt Dresden haben nach der Flutkatastrophe 2002 die Rahmenbedingungen für ein umfassendes Hochwasserrisikomanagement geschaffen und zahlreiche Maßnahmen zur Schadensbeseitigung und zum Wiederaufbau realisiert. Aufbauend auf diesen Leistungen wird zukünftig die
Bedeutung der Hochwasservorsorge zunehmen.

Die regionale Initiative "Weißeritz-Regio"

Flussgebiete stimmen in der Regel nicht mit räumlichen Verwaltungseinheiten überein. So verfügen im Flussgebiet der Weißeritz der Landkreis, die Landeshauptstadt Dresden, 14 weitere Kommunen, die Regionalplanung, die drei Forstämter Altenberg, Bärenfels und Tharandt, die Landestalsperrenverwaltung und viele weitere Akteure über Kompetenzen. Um die Zusammenarbeit dieser Institutionen zu verbessern, wurde als Reaktion auf die Sturzflut der Weißeritz die Initiative ?Regionale Hochwasservorsorge im Einzugsgebiet der Weißeritz (Weißeritz-Regio)? gegründet ? mit tatkräftiger Unterstützung des IÖR. Damit knüpft das IÖR an sein 7-Punkte-Programm zur Verbesserung der Hochwasservorsorge vom August 2002 an, in dem sieben grundlegende Forderungen zur Verbesserung der Hochwasservorsorge formuliert wurden. Die regionale Initiative beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer vorsorgenden Reduzierung der Risiken durch Sturzfluten im Weißeritzgebiet. Vorsorge wird dabei als langfristiger gemeinsamer Lernprozess aller Akteure im Flussgebiet verstanden. Ein kooperatives Hochwasserrisikomanagement bezieht deshalb Kommunen, Regionalplanung sowie das Land und seine Fachbehörden und natürlich auch die Bürgerinnen und Bürger in die Betrachtung ein. Insbesondere Sturzfluten erfordern ein schnelles und harmonisches Ineinandergreifen der Aktivitäten dieser Akteure. Gegenwärtig werden die konkreten Handlungsziele formuliert, die durch die Zusammenarbeit realisiert werden sollen. Zurzeit wird eine Broschüre für die Bürger im Weißeritzgebiet erstellt, die grundlegend u. a. über Möglichkeiten der Vorsorge beim Bau von Wohnhäusern und über das Verhalten im Hochwasserfall informiert. Ein Umweltinformationssystem wird zukünftig z. B. die Schadenspotenziale in den Überschwemmungsgebieten abbilden.

Stadtteilentwicklungsprojekt Weißeritz und "LUDA"

Kurz vor der Mündung fließt die Weißeritz durch die Stadt Dresden und quert das 300 ha große Gebiet des Stadtteilentwicklungsprojektes Weißeritz. Auf begrenztem Raum müssen hier Lösungen für ein Nebeneinander von Verkehrs- und Erholungs-, Gewerbe- und Wohnfunktionen gefunden werden. Dabei gilt das Gebiet bei Bewohnern und unter Stadtplanern als weiträumig in der technischen, sozialen und kulturellen Infrastruktur benachteiligt, gepaart mit funktionalen und baulichen Mängeln und einer teilweise schwierigen sozialen Lage. Der städtebauliche Rahmenplan für Dresden-Weißeritz dient als Grundlage für das Stadtteilentwicklungsprojekt, welches mit insgesamt 22,4 Mio. Euro aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung gefördert wird. Im Zentrum des Rahmenplans steht der "Grünzug Weißeritz", der in enger Verbindung mit der Hochwasservorsorge steht und in den allein 2 Mio. Euro der Fördermittel investiert werden sollen.

Dabei ist es notwendig, für den Hochwasserschutz klare Ziele zu formulieren, damit die Stadtplanung daraus Maßnahmen ableiten kann. Schwierigkeiten bereiten auch konkurrierende Ansprüche und Unklarheiten, wie mit der Hochwasservorsorge umgegangen werden sollte, bspw. bei der Planung des Grünzugs und der Auswirkung von Sperrwerken.

Seit Februar 2003 läuft unter Federführung des IÖR ein neues internationales Forschungsprojekt zum Thema Stadtentwicklung, welches auch das Dresdner Weißeritzgebiet betrifft. Es trägt den Titel LUDA - Improving the Quality of Life in Large Urban Distressed Areas (Verbesserung der Lebensqualität in großen städtischen Problemgebieten). Das Projekt LUDA hat zum Ziel, Methoden und Instrumente zu entwickeln, die die Stadtverwaltungen als Entscheidungshilfen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nutzen können. Das Zusammentreffen von Arealgröße, Problemkomplexität und Entwicklungsunsicherheiten steht - so die Erfahrungen aus anderen europäischen Städten ? einer vorausschauenden, strategisch orientierten Stadtplanung entgegen. Gleichzeitig besteht politischer Druck, die Lebensbedingungen zu verbessern. Die zentrale Frage dabei ist, wie ein Prozess der Sanierung bzw. der qualitativen und quantitativen Aufwertung solcher großen Problemgebiete eingeleitet werden kann, der bereits frühzeitig sowohl ökologische als auch soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. In Dresden spielt zusätzlich die Frage der Verminderung des Hochwasserrisikos eine wichtige Rolle. Der Planung fällt in diesem Stadtentwicklungsprozess dabei verstärkt eine moderierende Rolle bei der Abwägung von verschiedenen Interessen zu.

Dresden Flood Research Center

Das IÖR engagiert sich im Dresden Flood Research Center, welches nach der Flut am 19. Dezember 2002 gegründet wurde. Das D-FRC hat für das gesamte Einzugsgebiet der Elbe wichtige Vorhaben für einen verbesserten Umgang mit dem Hochwasserrisiko gestartet, z. B. FLOODsite, das bisher größte von der EU-Kommission geförderte Forschungsvorhaben zu Hochwasser (www.floodsite.net). Die Flutkatastrophe hat somit zu neuen und modellhaften Projekten geführt, die auch für andere Regionen in Europa von Bedeutung sind. "Um zukünftig dem Hochwasserrisiko besser begegnen zu können, sind weiterhin gemeinsame Anstrengungen aus Forschung und Praxis notwendig. Dazu muss das Bewusstsein für das Risiko erneuerter Stau- und Sturzfluten wach gehalten und entsprechende Mittel für Forschung und Praxis langfristig bereitgestellt werden", so Prof. Bernhard Müller, Direktor des IÖR und Gründungsvorsitzender des D-FRC.