„Erkenntnisse aus der Analyse großer Datensätze können erheblich zu einer gerechten Stadtplanung beitragen“

Seit Mitte September ist Dr. Horacio Samaniego als IÖR-Fellow zu Gast am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Als außerordentlicher Professor arbeitet er an der Universidad Austral de Chile zu Fragen von Ökologie und nachhaltiger Stadtentwicklung. Er versteht Städte als komplexe sozioökonomische Systeme. Im Interview erläutert er, wie die Auswertung großer Bestände an Geo- und Mobilfunkdaten zum Verständnis städtischer Dynamiken beitragen kann und welches Potenzial diese Ansätze für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung von Städten haben können.

IÖR: Welches sind die fachlichen Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Horacio Samaniego: Meine Forschung konzentriert sich auf städtische Systeme als komplexe adaptive Systeme, wobei ich insbesondere die Beziehung zwischen der Größe einer Stadt und ihrer Leistungsfähigkeit untersuche. Mein besonderes Interesse gilt der Makroökologie von Städten und der Frage, wie sich Vielfalt und Segregation in größeren Städten entwickeln und wie sich dies auf die Definition von Nachhaltigkeit auswirkt.

Zu Ihrem Aufenthalt am IÖR gehörte auch ein Vortrag im Rahmen der IÖR-Forums-Reihe. Sie haben zur Rolle öffentlicher Grünflächen bei der gerechten Stadtplanung gesprochen. Warum ist dieses Thema wichtig für Sie?
Ein wichtiger Aspekt bei der Förderung nachhaltiger Städte ist die bewusste und ausdrückliche Berücksichtigung des sozialen Wohlergehens. Von zentraler Bedeutung für die Erreichung dieses Ziels ist die Gewährleistung eines uneingeschränkten Zugangs der Öffentlichkeit zu Grünflächen. Diese Flächen, die von Parks und Gemeinschaftsgärten bis hin zu Stadtwäldern und Uferzonen reichen, bieten eine Vielzahl von Vorteilen, die direkt zur Lebensqualität der Stadtbevölkerung beitragen.

Über ihre ästhetische Wirkung hinaus leisten Grünflächen wichtige ökologische Dienste, wie die Verbesserung der Luftqualität, die Abschwächung des städtischen Wärmeinseleffekts und die Förderung der biologischen Vielfalt. Aus sozialer Sicht dienen sie als wichtige Orte für Erholung, körperliche Aktivität und soziale Interaktion und fördern sowohl die Gesundheit des Einzelnen als auch der Gemeinschaft. Der Zugang zur Natur wird mit einem geringeren Stresslevel, einem besseren psychischen Wohlbefinden und einer verbesserten kognitiven Funktion in Verbindung gebracht. Darüber hinaus können diese gemeinsamen öffentlichen Räume das Gemeinschaftsgefühl fördern, den sozialen Zusammenhalt stärken und Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund die Möglichkeit bieten, miteinander in Kontakt zu treten.

Ein gerechter Zugang zu Grünflächen ist von größter Bedeutung. Ungleichheiten beim Zugang spiegeln oft bestehende sozioökonomische Ungleichheiten wider, wobei einkommensschwächere Stadtteile und Minderheitengemeinschaften häufig über weniger und qualitativ minderwertigere Grünflächen verfügen. Das Verständnis dieser Ungleichheiten wird dazu beitragen, eine proaktive Stadtplanung und politische Maßnahmen zu fördern, die eine zugängliche grüne Infrastruktur in allen Teilen einer Stadt ermöglichen.

Bei Ihrer Arbeit nutzen Sie unter anderem auch die Auswertung von großen Datenbeständen, wie Mobilfunkdaten. Welche Chancen bietet dieses Vorgehen, die andere Ansätze vielleicht nicht bieten?
Die allgegenwärtige Integration mobiler Sensortechnologie in unser tägliches Leben hat zur Entstehung immenser und kontinuierlich wachsender Datensätze geführt. Während diese Datensätze vor allem im kommerziellen Bereich zur Vorhersage des Verbraucherverhaltens und von Konsumgewohnheiten umfassend ausgewertet und modelliert wurden, bleibt ein bedeutendes Potenzial weitgehend ungenutzt.

Es mangelt erkennbar an konzentrierten Bemühungen, das reichhaltige Potenzial dieser Daten zu nutzen, um ein tieferes Verständnis komplexer sozialer Phänomene zu erlangen. Wenn man bedenkt, dass mobile Sensortechnologie nicht mehr nur eine Spielerei am Rande ist, sondern ein grundlegender, eingebetteter und integrierter Dienst innerhalb der Struktur unserer modernen Gesellschaft, bietet ihre Allgegenwärtigkeit eine beispiellose Perspektive, durch die menschliche Interaktionen, Bewegungen und Gemeinschaftsdynamiken beobachtet und analysiert werden können.

Daher bin ich fest davon überzeugt, dass durch die gründliche Untersuchung dieser öffentlich zugänglichen Datensätze, die oft allgemeine Muster menschlicher Aktivitäten erfassen, wertvolle und neuartige Erkenntnisse gewonnen werden können. Diese Erkenntnisse könnten einen wichtigen Beitrag zu Bereichen wie Stadtplanung, öffentliche Gesundheit, Sozialpolitik und Katastrophenschutz leisten und datengestützte Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen und Chancen bieten, die zuvor nicht erreichbar waren. Die ethischen Überlegungen zum Datenschutz und zur Anonymisierung von Daten müssen natürlich bei solchen Forschungsvorhaben im Vordergrund stehen, um sicherzustellen, dass die Vorteile dieser Erkenntnisse verantwortungsbewusst und respektvoll genutzt werden.

Was hat Sie bewogen, sich für das IÖR-Fellowship zu bewerben?
Auf einer Konferenz habe ich Dr. Diego Rybski vom IÖR kennengelernt. Er ist ein hoch angesehener Wissenschaftler, dessen vielfältige Forschungsarbeit am IÖR perfekt zu meinen akademischen Interessen passt. Das Stipendium bot mir die wertvolle Gelegenheit, mich intensiv mit den von uns diskutierten Fragen und Themen auseinanderzusetzen. Gemeinsam haben wir an einer ersten Publikation gearbeitet. Weitere werden hoffentlich folgen, ebenso wie ein Gegenbesuch von Diego Rybski in Chile.

Welche Möglichkeiten hat Ihnen das IÖR-Fellowship eröffnet?
Ich habe Kontakte zu engagierten Forschenden und Studierenden geknüpft und interessante Verbindungen aufgebaut, die sicherlich meine zukünftigen Forschungsbereiche erweitern und ergänzen werden.

Hatten Sie auch Gelegenheit, Dresden ein bisschen kennenzulernen? Was hat Ihnen besonders gefallen?
Oh ja! Der Zoo Dresden ist ein fantastischer Ort. Ich hatte außerdem das Glück, eine Unterkunft im Stadtteil Neustadt zu finden, einer sehr lebendigen Gegend voller junger und interessanter Menschen.

Was nehmen Sie mit aus Ihrem achtwöchigen Aufenthalt am IÖR und in Dresden?
 
Ich habe meine Zeit in der Stadt und die Arbeit am Institut sehr genossen. Es war eine friedliche und intellektuell anregende Umgebung.

Die Fragen hat Dr. Horacio Samaniego schriftlich beantwortet.

Wissenschaftlicher Kontakt im IÖR
Dr. Diego Rybski, E-Mail: d.rybskiioer@ioer.de 

Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V. wird gemeinsam durch Bund und Länder gefördert.

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