Vier Thesen, die das ATRAKTIV-Team aus dem Projektverlauf entwickelt hatte, standen im Zentrum der Abschlussveranstaltung. Die Teilnehmenden brachten vielfältige Perspektiven aus unterschiedlichen Regionen in Deutschland in die Diskussion ein. Es entstand ein vielschichtiger Blick auf die Bedingungen und Potenziale lokaler Transformation. Bei dem Austausch ging es: um die Rolle von Akteur*innen von außerhalb der Region für lokale Transformationsprozesse, um die Herausforderungen durch unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster von Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, um die Bedeutung sozialwirtschaftlicher Akteure wie Genossenschaften und Vereine und um erfolgreiche Formen von Aushandlung und Zusammenarbeit in vielfältigen Akteurskonstellationen.
Selbstbestimmte Akteursnetzwerke als Schlüssel für den Wandel
In der Diskussion über den Einfluss von externen Akteuren auf ländliche Räume zeigte sich: Entscheidend ist nicht deren Einfluss an sich, sondern die Vielfalt an Erfahrungen, Perspektiven und Kompetenzen, die sie von außen einbringen. Diese Pluralität kann zur kritischen Reflexion bestehender Strukturen in der Region beitragen, Impulse für Innovationen geben und Brücken zwischen regionalem Wissen und überregionalen Entwicklungen schlagen. Eine Voraussetzung ist jedoch, dass äußere Einflüsse nicht als Gegenmodell zur lokalen Praxis, sondern als ein produktiver Bestandteil von kooperativer Aushandlung verstanden werden.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass nachhaltige Transformationsprozesse auf lokaler Ebene kaum denkbar sind ohne selbstorganisierte Akteursgruppen und -netzwerke wie Bürger*inneninitiativen und Bildungsakteure. Diese Gruppen bemühen sich um langfristige Sichtbarkeit, vernetzen lokale Projekte und schaffen ein gemeinsames Wertefundament – etwa in Fragen von Teilhabe, Nachhaltigkeit oder regionaler Versorgung. Sie übernehmen Verantwortung für das Gemeinwesen, insbesondere dort, wo die lokale Verwaltung personell oder finanziell an ihre Grenzen stößt. Dabei entwickeln diese Gruppen auf ihre eigene, lokal verankerte Weise Antworten auf zentrale Zukunftsfragen – wie etwa: „Was bedeutet ein gutes Leben hier bei uns vor Ort?“
Koordination zwischen Planungsebenen bleibt Herausforderung
Im Zusammenhang mit unterschiedlichen Planungslogiken zeigte sich, dass gerade an den Schnittstellen von Landwirtschaft sowie Klima- und Naturschutz erhebliche Reibungen bestehen. Die Diskussion machte deutlich, dass bestehende Planungsinstrumente häufig nicht geeignet sind, um ganzheitliche, nachhaltige Entscheidungen auf lokaler Ebene zu treffen – etwa, weil Flächenbesitz stark fragmentiert ist. Gefordert wurde u. a. eine Zwischenebene in der Planung, die sich an Landschaftsgrenzen orientiert, sowie eine deutlich frühere Bürgerbeteiligung. Im Kontext partizipativer Forschung – Formate, in denen Wissenschaft und Praxis gemeinsam Fragestellungen entwickeln, Wissen austauschen und Lösungen erarbeiten – wurde deutlich, dass die gemeinsam erzielten Ergebnisse im Nachgang besser in die Region kommuniziert werden müssen. Nur so kann Vertrauen in die wissenschaftliche Arbeit – etwa in ihre Relevanz, Transparenz und Praxisnähe – entstehen. Gleichzeitig erhöht sich die Handlungssicherheit lokaler Akteure, da sie die Erkenntnisse besser einordnen und für eigene Entscheidungen nutzen können.
Innovationskraft der Zivilgesellschaft braucht Anerkennung
Die Rolle von zivilgesellschaftlichen Gruppen – etwa Vereinen, Initiativen oder Bürgerprojekten – wurde kritisch beleuchtet. Die Teilnehmenden betonten, dass diese Gruppen nicht dauerhaft Aufgaben übernehmen sollten, für die eigentlich die (allerdings häufig überlasteten) Kommunen zuständig sind. Viel wichtiger sei ihre Stärke, neue Ideen einzubringen, schnell zu handeln und Menschen aus verschiedenen Bereichen miteinander zu verbinden. Besonders wirksam seien zeitlich begrenzte Kooperationen oder lose Netzwerke, die flexibel auf lokale Herausforderungen reagieren können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es viele Hürden gibt – zum Beispiel komplizierte Bürokratie oder fehlende Anerkennung durch staatliche Stellen. Deshalb wurden bessere Rahmenbedingungen gefordert, um dieses Engagement langfristig zu unterstützen und die Rolle der Zivilgesellschaft zu stärken.
Transformation braucht lokale Aushandlung und verbindliche Zielbilder
Im Kontext pluraler Governance-Strukturen, also dem Zusammenspiel verschiedener unabhängiger Akteure, wurde deutlich, dass Konstellationen ohne zentrale Steuerung durch eine Organisation und ohne feste Verträge oder Vorgaben durchaus handlungsfähig sein können – vorausgesetzt, es bestehen gemeinsame Zielbilder, regelmäßige Abstimmungen und eine Einbindung lokaler Akteure.
Rein konsensorientierte Verfahren, bei denen alle Beteiligten einer Entscheidung zustimmen müssen, wurden als unzureichend eingeschätzt, da sie notwendige Macht- und Strukturfragen ausblenden. In einer Gesellschaft, die von gegensätzlichen Interessen und Machtverhältnissen geprägt ist, sind Konflikte nicht nur unvermeidbar, sondern auch notwendig, um tiefgreifende Veränderungen anzustoßen. Transformation bedeutet nicht bloß Anpassung, sondern umfassenden strukturellen Wandel – etwa in der Verteilung von Ressourcen, im Zugang zu politischer Mitbestimmung oder in der wirtschaftlichen Organisation. Transformativ zu handeln bedeutet also, Machtfragen offen zu verhandeln, Deutungshoheiten in Frage zu stellen und bestehende Strukturen neu auszurichten – nicht, sie durch scheinbare Einigkeit zu stabilisieren. Deshalb braucht es Verfahren, die auf klare Zielsetzungen, geteilte Verantwortlichkeiten und verbindliche Entscheidungen setzen – auch wenn diese im Streit errungen werden müssen.
Offene Fragen für zukünftige Forschung
Die Veranstaltung war eingebettet in das Raumwissenschaftliche Kolloquium (RWK) 2025 des Leibniz-Forschungsnetzwerks „Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt – Leibniz R“. Das RWK 2025 rückte unter dem Leitthema „Zu viel des Wandels?“ zentrale Zukunftsfragen der Raumentwicklung in den Fokus. Die Diskussionen haben deutlich gemacht, dass sozial-ökologische Transformationen in peripheren Räumen viele Potenziale bergen – aber auch politische, planerische und gesellschaftliche Voraussetzungen brauchen, um wirksam und gerecht gestaltet zu werden. Offen bleibt die Frage, wie dauerhaft tragfähige Kooperationsstrukturen zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren aufgebaut werden können – und welche neuen institutionellen Formate geeignet sind, um Zielkonflikte produktiv zu verhandeln.